Kapitel 12: Die Mission

„Wenn unsere Sensoren richtig geschnüffelt haben, gibt es auf unserer schnellsten Route zum Griesgramglobus ungefähr noch 400 bewohnte, neutrale Planeten, die noch nicht von ihnen vereinnahmt wurden.  Mit den vorhandenen Wurmlöchern können wir die Hälfte direkt erreichen. Bei den anderen sieht es ein wenig komplizierter aus. Wir müssen versuchen soviel wie möglich an Verbündeten zusammenzukriegen, damit wir vielleicht mit deren Unterstützung auch die anderen erreichen können. Es ist wirklich vertrackt. Ich hätte mir die Missionierung des gesamten Weltalls leichter vorgestellt. Denn wenn man bedenkt, dass dies nur der gerade weg ist, dann möchte ich nicht wissen, wie viele da draußen noch auf unsere Unterstützung warten. Doch das primäre Ziel ist und bleibt den Griesgramglobus zur Partymeile umzuwandeln, damit der schädliche Einfluß von Trübsinn ein für allemal der Vergangenheit angehört“, fasziniert lausche ich den Ausführungen von Trinkernase.

Wir befinden uns kurz vor dem Aufbruch.  Die Wissenschaftler haben einen funktionierenden Schutzschirm um die gesamte Raumflotte von Vierglashalter installiert. Die Vorräte an Wodka Brause sind zwar gemessen an der ehemaligen Universumsbevölkerung nur gering, doch ist es innerhalb kürzester Zeit den Arbeitstrupps gelungen, einige dutzend sogenannter Agrarschiffe zu bauen, auf welchen ungefähr die gesamte Produktion der ehemaligen EU an Lebensmitteln, Bier und vor allem Wodka Brause immer innerhalb eines Tages aufs Neue produziert werden kann. Diese Schiffe werden allein mit Robotern am Leben erhalten. Sie haben nur eine Aufgabe: Uns und alle zu rettenden Planeten mit Vorräten zu versorgen.

„Eines habe ich immer noch nicht verstanden.“, Trinkernase  sieht mich fragend an. Um die letzten Vorbereitungen immer im Auge zu behalten, befinden sich alle Vierglashalter und wir mittlerweile in der Kommandolounge. Einem schwebenden Riesending, das immer über den Planeten fliegt oder die Bauarbeiten außerhalb der Atmosphäre beobachtet. Es hat alle Annehmlichkeiten eines Missionsschiffes, nur das sich hier statt hundert nur zehn Roboter um das Wohl eines jeden einzelnen bemühen. Auch gibt es nur durchsichtige Außenfassaden, so dass wir immer aktuell sehen, wie weit die Roboter fortgeschritten sind.

„Woher bezieht ihr nur immer wieder die ungeheure Menge an Rohstoffen. Wenn seit jeher solche ungeheuren Mengen verbaut werden, dann müsste doch irgendwann Euer Planet von allem leergefegt sein?“

Die Antwort von Trinkernase veranlasst uns Menschen zu einem langen Blick in das vor uns stehende Glas.

„Guter Dünger und gute Böden.“, schießt es wie selbstverständlich aus ihm heraus.

„Bei uns wächst alles, sei es Hopfen, Getreide oder Zuckerrohr.“

„Das tut es bei uns auch, doch was ist mit nicht erneuerbaren Energien.“, legt Vera nach.

„Was sind nicht erneuerbare Energien?“, es ist das erstemal das Trinkernase wirklich keine Ahnung hat.

Wir versuchen zu erklären, wie es sich auf der Erde mit Öl, Kohle, Eisen, Kupfer usw. verhalten hat und abgesehen davon, dass ihm diese Stoffe gänzlich unbekannt sind erklärt er uns:

„Alles was wir brauchen wächst bei uns auf den Feldern oder kommt aus einer Plantage unter dem Meeresspiegel. Das Metall, wie Ihr es nennen würdet, für unser Schiffe wird angebaut. Für unsere Liegestühle brauchen wir keine Kunststoff; er wird angebaut, sogar die Energie beziehen wir aus uns. Dank der ausgeklügelten Technik auf Vierglashalter wächst jedes eurer Elemente immer wieder nach. Es gibt keine Versorgungslücken. Die Roboter mischen diese Produkte, verarbeiten sie und geben den Bewohnern alles was sie zu einem vernünftigen Leben benötigen.“

„Wie aus uns?“, Sophie ist wieder federführend

„Ja sagt bloß ihr kennt nicht das alte Verdauungslied von Benjamin dem Fürzchen?“. seine Kopfschüttelei mit einem Wodka-Brause ausnutzend, stimmt Trinkernase das älteste bekannte Vierglashalterlied an:

 

Ihr habt genossen den Wein und das Rind,

ihr hattet den Schnaps zur Verdauung bestimmt,

weiter gegessen und getrunken ihr habt,

an einer Frau Eure Herzen ihr labt,

doch wenn er kommt, werdet ihr sehn

euer bemühen nicht umsonst geschehen

ist auch weg die Frau oder der Mann

es ist einer da, der immer kann.

 

Benjamin das Fürzchen.

Der erbringet die Energie für alle.

Benjamin das Fürzchen

Die  genutzt mit lautem Schalle.

 

Ihr habt getrunken sinnlos Bier und Wein

Es ist uns bestimmt, es muss so sein

Ihr hattet trinkend Spaß am Leben

Ihr seid Vierglashalter, so ist das eben

Und wenn die letzte Stund gekommen,

scheiß egal wir hab’n was mitgenommen

der letzte Gruß der uns entflieht,

Das ist Benjamin, den man nicht sieht

 

Benjamin das Fürzchen.

Der erbringet die Energie für uns alle

Benjamin das Fürzchen

Die genutzt mit lautem Schalle.

 

Karin ist so beeindruckt, dass ihr vor Staunen eine lauter Ton entfährt. Sie stammelt noch etwas von Entschuldigung, doch Trinkernase lässt sie wissen:

„Eure Einstellung zu gewissen Körperausdünstungen ist absolut ehrenhaft; doch nur für eure Augen ist es was abstoßendes. Wir haben unsere Chefwissenschaftler immer wieder in eure Unterkünfte geschickt und wir mussten feststellen, das alles, was ihr so von euch gebt mehr als das hundertfache an Energiegehalt beinhaltet, was wir fabrizieren können. Jetzt denkt nur nicht wir seien auf  eure Fürze angewiesen, denn unsere Kraftwerke saugen aus der Luft die Magenwinde heraus und verarbeiten sie so effektiv, dass aus jedem einzelnen  Windausstoß die 500000fach benötigte Jahresenergiemenge nur einer Person gewonnen werden kann.  Aber zugegeben, es ist eine ungemeine Bereicherung.“

„Eine perfekte Symbiose“, meint Mike

„Vor allem wenn man bedenkt, dass Du ungefähr 20mal am Tag einen fahren lässt und somit die Energie für

 1 Milliarde Leute für ein Jahr produzierst, nur ich Ärmste muss immer leiden“, Vera hält sich die Nase zu.

„Und du sagtest mir immer, ich läge nur sinnlos auf der Couch und furze stinkend unter die Wolldecke. Jetzt hast Du den Beweis dafür dass in Allem eine tiefere Bedeutung liegt.“, mit sichtlichem Stolz bestellt sich Mike bei einem der vorbeilaufenden Kellner ein Chilli, um den Energiefluß zu bereichern wie er meint.

„So wie sehe, sind die Vorbereitungen für unseren Aufbruch fast abgeschlossen. Ich denke in zwei – vier  Tagen können wir starten. Ich freue mich schon riesig wieder ein paar Leute auf den rechten Weg zu bringen.“

Trinkernase reibt sich vergnügt die Hände und  mit der Frage an Christian, ob er denn kein zuhause hätte, bestellt er sich auch ein Chilli um Mike bei der Energiegewinnung zu unterstützen.

 

„Alles bereit?“, Trinkernase ist im Begriff dem Obermaschinisten den Startbefehl zu geben. Eine riesige Flotte steht zu unserer Verfügung. Wir befinden uns auf einem der mondähnlichen Missionierungsschiffe. Im Schlepptau einige Erkundungsschiffe, noch ein paar Missionierungsschiffe, ein paar Versorger, einer schwebenden Vorratskammer, die wahrscheinlich dreimal die Erde versorgt hätte und noch etlichen anderen.

Auf Vierglashalter lassen wir trotz unserer Reise immer noch genügend Roboter zurück, die dafür sorgen, dass bei unserer Rückkehr alles wieder so anzutreffen ist wie bei unserer Verabschiedung. Dumpfhirn erklärte mir, dass auch ohne unsere Anwesenheit immer noch genug gespeicherte Energie für die nächsten Jahrtausende zur Verfügung steht, die von den Maschinen u.a. dafür genutzt wird, wieder den Robotervorrat aufzustocken.

„Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass unser erster Konvoi nur aus ein paar Wohnmobilien und LKWs bestand. Wir fallen wirklich zur Zeit die Treppe nach oben?“, Beat zieht tief beeindruckt an seinem Pfeifchen.

Wahrscheinlich sieht er in seinem augenblicklichen Zustand alles noch viel größer als der Rest. Die Entfernungen sind schwer abzuschätzen, doch wenn man genauer hinsieht und sich ein paar Entfernungsmesser zu Hilfe nimmt, zieht sich unser Reisezug, mit den entsprechenden Sicherheitsabständen, ungefähr über die Strecke von der Erde zum Mond. Da wir uns, auch für  Vierglashalterverhältnisse, auf universellem Neuland befinden, schicken wir am Eingang zum Wurmloch erst mal ein unbemanntes Pionierschiff in die Bresche. Ein in allen nur erdenklichen Farben strahlender Strudel beginnt zu kreisen, als  die Vorhut in das Loch eintaucht und binnen Sekunden aus unserem Blickfeld verschwindet. „Wir lassen denen mal ein wenig Vorsprung.“, erklärt uns Dumpfhirn. „Es kann einige Zeit in Anspruch nehmen, bis wir wieder die ersten Signale von Ihnen empfangen. Sie haben den Auftrag den ersten Planeten der auf dem Weg zum Griesgramglobus liegt zu besuchen. Es handelt sich um einen neutralen, dünn besiedelten Planeten. Wir wissen im Augenblick nur, dass er eine Atmosphäre ähnlich Vierglashalter oder der Erde aufweist und reich an Rohstoffen ist.

„Mich würde wirklich mal interessieren, woher ihr wisst, dass es sich um einen Neutralen handelt. Ich meine es könnte doch gut sein, dass die Griesgramis sich dort schon festgesetzt haben. Soweit ich weiß sprechen die Sensoren doch nur auf Alkohol an und wenn dort eben keiner zu finden ist.., warum sollte er nicht schon im finsteren Einflusskreis der Nichttrinker sein?“, Sophie besitzt wirklich einen bewundernswerte Scharfsinn.

Dumpfhirn, der gerade mit Schlendria, Trinkernase, Christian, Jessie und Schluckspecht wieder mal auf seine Vorfahren anstoßt, erklärt: „Unseres Chefentwicklers neuester Paukenschlag. Als fest stand, dass wir zu neuen Gefilden aufbrechen, bekam er von uns den Auftrag einen Planetenscanner zu entwickeln, der es ermöglicht alle Daten und sogar Bilder von dort im vornherein zu bekommen. Da wir jedoch schneller gepackt hatten als wir dachten und wir unbedingt aufbrechen wollten, kam er nicht mehr dazu das Gerät bis zur Endreife fertigzustellen. Aber was wir jetzt mit uns führen ist absolut ausreichend. Außerdem macht es die ganze Sache spannender.“ Diesmal ist sogar Sophie mit der Antwort zufrieden.

„Sag mal, hat dir eigentlich Jessie schon was von ihrer Liaison mit Schluckspecht erzählt?“, ich platze fast vor Neugier als ich Sophie frage. „Ha, ist da wohl wieder mal jemand wissensdurstig?“, genüsslich nimmt sie ein Häppchen vom Tisch und spült es mit einem nachmittäglichen Schluck Champagner hinunter.  „Jetzt komm schon lass doch mal ein bisschen hören.“, gleich zerreist es mich.

„Willst Du das wirklich wissen, vielleicht wirst Du dann nur noch neidisch auf das, was die Vierglashaltermänner so alles draufhaben?“ So habe ich das noch nie betrachtet und ich wäge mit einem schnellen Grappa ab, ob ich die vielleicht schonungslose Wahrheit vertragen kann.

„Nö, eigentlich nicht, ich dachte nur, dass es vielleicht was Neues gäbe.“

„Ich kenn doch meinen Pappenheimer, wenn ich dir nicht gleich was erzählen werde, beißt Du vor lauter Neugier wahrscheinlich in das Tischbein oder gehst mit Stefan in die Kneipe nebenan, um Euch dort wieder irgendwelche Dinge aus den Fingern zu saugen, die sowieso jeder Grundlage entbehren.“, wo sie recht hat, hat sie recht.

Stefan der unfreiwillig unser Gespräch mitbekommen hat meldet sich zu Wort: „Ich habe einen Kompromissvorschlag. „Wir..“ er zieht mich schon am Arm hoch „.. wir gehen jetzt in die Kneipe nebenan, saugen ein wenig am Weizen, saugen uns danach was aus den Fingern und wenn uns der Schluckmuskel versagt, kommen wir zurück und du..“ er gibt Sophie einen galanten Handkuss. „... liebste menschgewordene Weisheit erklärst uns dann was wir alles falsch interpretiert haben.“

„Ach haut schon ab, ich geh derweil ein wenig mit Karin einkaufen. Wer weiß vielleicht werden wir bei unserer Ankunft auf dem neuen Planeten gleich zu einem Galaempfang eingeladen.“

Gerade als wir die Tür zum „Geschwätzigen Mondkalb“ aufstoßen, hören wir Christian hinter uns schreien:

„Lasst mir noch was übrig“ Ein paar Sekunden später keucht er heran: „Schlendria hat sich Sophie und Karin angeschlossen, ich denke ein Bierchen kann mir jetzt auch nicht schaden.“

Wir setzen uns in das menschenleere Lokal. Ein guter Platz um mal wieder richtig abzulästern, wie Christian meint. Der erste prebiersche Eco ist schon in unserem Magen gelandet und da es ziemlich heiß in dem Laden ist, bestellen wir uns zuerst ein amerikanisches Dünnbier, bevor wir uns dem Weizen widmen.

„Jetzt komm schon, raus mit der Sprache, was geht denn so ab mit Schlendria?“, will Stefan wissen. Dankbar dass er zuerst fragte und ich ausnahmsweise mal nicht der Neugierigste am Tisch bin, lauschen wir gespannt Christian’s Ausführungen: „Ich weiß ja nicht genau, was ihr alles gedenkt zu erfahren, aber schnallt euch gut fest. Es ist der Hammer. Also wenn wir rummachen ob im Bett oder am Strand oder im „Raum der Schwerelosigkeit“, dann....beginnt es damit, dass sie mit ihren sechsfingrigen Händen und  ihrem Mund..........“ Christians Ausführungen entlocken uns immer wieder ein erstauntes „Ah“, ein zustimmendes „Mmmh“ oder ein begeistertes „Ja“ und obwohl wir unsere Frauen lieben, gehen wir am Ende seiner Ausführungen vor Geilheit fast die Wände hoch.

 

„Typisch Männer“, lässt mich Sophie an diesem Abend wissen, als ich ihr von unserem Umtrunk im „Geschwätzigen Mondkalb“ berichte. Da wir beide das Meer doch mehr lieben als die Berge, haben wir wieder ein Zimmer ähnlich dem auf unserem Flug nach Vierglashalter bezogen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass unser Haus jetzt direkt am Strand situiert und mit einem Aquapark ausgestattet ist. Entgegen unserer Gewohnheit den Abend trinkend mit den anderen zu verbringen, bleiben wir zuhause. Ich wusste nicht, dass Einkaufen so anstrengend sein kann. „Was heißt hier typisch Männer?“, möchte ich erfahren.

„Na ja, bei euch gibt es Situationen oder Fantasien, bei welchen der plötzliche Blutsturz ein absolutes Hirnvakuum verursacht. Und wenn ich sage Hirnvakuum, meine ich wirklich die unendliche Leere. Nicht so was halbseidenes wenn ihr euch wieder mal mit Weizen oder Grappa die letzten Lampen ausknipst. Das alles ist doch nur Kinderkram. Ok, ich gebe gerne zu, dass dieser Zustand der Stufe eines Primaten ähnelt und auch viel länger andauern kann. Ihr müsstet euch wirklich mal sehen, wenn ihr wieder einen über den Durst getrunken habt, aber wie gesagt, in euch steckt immer noch ein letzter Funken Anstand. Doch wenn es um Frauen, insbesondere um neue Frauen und eventuelle Spielereien geht, herrscht für einige Minuten das große Nichts in euerm Kopf; andere Körperteile hingegen scheinen vor Energie zu platzen und wollen nur noch raus aus ihrem Stall.“ 

„Jetzt lass mal die Kirche im Dorf.“, versuche ich mich herzuwinden. „Ich gebe ja zu, dass es doch recht prickelnd klang, was Christian so erzählte, doch ich hab deutlich gemerkt dass mein Hirn noch völlig intakt war.“

„Das war nicht dein Hirn, gedacht hat da ein ganz Anderer.“,  Sophie kennt sich aus, doch ich gebe nicht auf:

„Also, wenn zu diesem Zeitpunkt das Denken nicht im Kopf stattgefunden hat, dann kann nur noch mein Magen gewesen sein, der nach Befeuchtung rief.“ Ich weiß, aus dieser Schlinge kann ich mich nur schwer befreien. Angriff ist die beste Verteidigung schießt es mir plötzlich durch mein bestens aufgelegtes Kleinhirn:

„Jetzt mal andersrum. Jessie hat dir doch sicher auch einiges in Bezug auf Schluckspecht berichtet, möchte mal wissen, wie du darauf reagiert hast. Hat es dich nicht auch irgendwie auf sehr feuchte Gedanken gebracht?“

„Ja klar.“, ist ihre Antwort. Sie verschwindet im Bad und lässt mich nachdenklich an der Küchentheke zurück.

Fünf Minuten – ich denke darüber nach. Zehn Minuten – ich trinke ein Glas Wein und denke darüber nach.

zwölf Minuten – ich leere einen Port und denke sehr intensiv darüber nach. Fünfzehn Minuten – ich brauch ein Bier.

Zwanzig Minuten – ein zweites Bier und einen Grappa, sehr sehr nachdenklich. Nach 21 Minuten höre ich sie aus dem Badezimmer rufen: „Trink nicht soviel, du musst mir nachher noch helfen.“ Noch helfen? Wenn sie nicht gesagt hätte, ich solle mich mit trinken bremsen, wäre ich noch schnell an die Cocktailbar gehuscht und ließe mir von Barkeeper einen Zombie mixen. Nach weiteren 20 Minuten ruft sie mir aus dem Ankleidezimmer entgegen: „Jetzt bin ich soweit, kommst du mal bitte.“ Ich schlurfe immer noch nachdenklich zu ihr. Sie steht vor dem riesigen Spiegel und ist gerade im Begriff ihr neu erworbenes Cocktailkleid anzuziehen. Ihre Haare sind nach oben gesteckt, sie ist perfekt geschminkt, vom betörenden Duft ihrer Haut ganz zu schweigen. „Kannst du mir bitte hinten den Reißverschluß hochziehen?“ Ich gehe einen Schritt näher und ziehe ihn nach oben.

„Jetzt kann es ja losgehen.“, zwitschert sie mir fröhlich entgegen und entzieht sich mit einer ausweichenden Bewegung meiner Hand. „Noch ein Rendezvous heute Abend?“, rufe ich noch als sie durch die Terrassentür verschwindet. Ich gehe ihr nach und erblicke sie im Gartenpavillon. Der Tisch ist perfekt gedeckt, mit Kerzen und Blumen geschmückt. Fackeln umringen den gesamten Pavillonbereich und einige Roboter warten nur darauf das Essen und den Wein aufzutragen. „Wen erwartest Du denn noch? Hat Dich das Gespräch mit Jessie so aufgewühlt?“, ich kriege Angst, ich möchte Sophie weder mit jemanden teilen noch ohne sie sein.

„Dich mein großer Nasenbär.“ Plumps, das war der Stein, der mir vom Herzen gefallen ist und als ob jemand meinen inneren Freudenschrei hören könnte, blicke ich mich tief beschämt um.

„Jetzt setz Dich doch erst mal.“, sie gibt mir einen Kuß auf Nasenspitze. „Ich versteh nicht.“ „pst“, macht Sophie und legt mir den Finger auf den Mund. „Später“, fügt sie noch hinzu. Wir plaudern über einige Belanglosigkeiten. Erst nach dem dritten Gang bekomme ich eine Erklärung:

„Natürlich habe ich mit Jessie gesprochen und natürlich habe ich bei unserem heutigen Einkaufsbummel auch mit Schlendria und Karin gesprochen und noch mal natürlich, ich wurde auch ganz aufgeregt, als Jessie mir von ihrer ersten Liebesnacht mit Schluckspecht erzählte. Vorhin als ich „Typisch Männer“ sagte meinte ich das auch so. Doch das „Typisch Frauen“ ließ ich unerwähnt. Schau, wenn wir auf der Erde eine Beziehung hatten und liebten, bist du da jemals fremdgegangen auch wenn Christian meinte, dass du Diese oder Jene mal probieren solltest.“ Guten Gewissens kann ich das verneinen. Ich hatte zwar mal eine Zeit mit sehr schnellen Wechseln und etlichen One-Night-Stands. Doch Fremdgehen, vor allem einer Frau die man liebt, nein. Sophie macht weiter: „Eben, Jessie tickt genau wie Christian. Sie hatte mir auch schon oft ein paar Typen nahegelegt, die absolute Künstler sein sollen. Ihr ging es immer nur um das Eine, bloß kein Gefühl investieren. Doch zu ihrer Verteidigung muss ich anfügen, sie ist ein gebranntes Kind, na ja vielleicht trifft so noch den Richtigen. Das ist jetzt mit Sicherheit keine Verurteilung von Christians und Jessies Handeln. Sie sind immer ehrlich und haben schon früher, genauso wie den jetzigen Gefährten, erzählt um was es geht und wenn Sympathie dabei ist...noch besser. Jedem sein Ding und solange man anderen nicht auf der Seele herumtrampelt ist das absolut in Ordnung. Um auf den Punkt zu kommen. Fantasien muss man haben. Du hast sie. Ich hab sie. Jeder hat sie. Doch ausleben will sie mit einer Person, der ich 100% vertraue, die mich kennt und der auch ich vertrauen kann. Mit dir. Und abgesehen davon, ich konnte es mir einfach nicht verkneifen, dich ein bisschen im Ungewissen tappen zu lassen, Strafe muß sein.“