„Scheint ein Planet mit ziemlich komischen Einwohnern zu sein.“, meint Trinkernase, als wir in das Wurmloch eintauchen. „Komisch aber friedlich, und das ist wohl die Hauptsache.“
„Wie komisch?“, möchte Heidi wissen. Die Zeit, die wir in der Warteschleife verbrachten, nutzte sie meist mit Beat im Kräutergarten des Chefchemikers, um einige neue Pflänzchen zu testen.
„Sie arbeiten.“, Trinkernase schüttelt angewidert den Kopf. „Das mussten wir auch.“, gibt Vera zu bedenken.
„Nein, das ist es ja was sie dermaßen komisch macht. Sie hätten alles, so wie wir auf Vierglashalter. Bei euch war es, dass ihr arbeiten musstet um zu leben, gut es gab auch welche, die lebten um zu arbeiten. Aber speziell ihr habt es nie vergessen, was es bedeutet zu feiern und fröhlich zu sein. Die Arbeit war nur ein Mittel zum Zweck. Doch bei denen ist es doch sehr befremdlich. Sie haben alles. Sie können auch durch ihre Arbeit nicht mehr erreichen. Für jeden ist der gleiche Standard wie bei uns vorgesehen. Doch was tun sie? Sie gehen ins Bergwerk, kriechen durch die Kanäle, schaufeln Mist oder was sonst noch. Sie arbeiten von morgens bis abends und jammern jeden Abend wie schlecht es ihnen doch geht. Sie müssten nur die Schaufeln und Hacken beiseite legen und nichts würde sich ändern. Sie würden von Robotern versorgt werden. Komisch, Komisch, Komisch.“
Trinkernase kann immer noch nicht fassen, was der Spähtrupp da entdeckt hat.
Entgegen früherer Besuche von Vierglashaltern auf fremden Planeten, bei welchen innerhalb einer Nacht der ganze Planet in Extase versetzt wurde, landen wir, mangels Tänzern und DJs, mit einem kleinen Erkundungsschiff auf einer Kolchose irgendwo im Hinterland einer kleinen, traurigen Stadt. Alles ist zweckmäßig grau in grau. Keine Gärten, keine Schwimmbäder, keine Theater oder Kinos. Hier scheint das Leben nur aus Arbeit und sich ausruhen für die Arbeit zu bestehen. „Man kommt sich vor wie im Gulag.“, bemerkt Mike beiläufig.
Wir treffen auf ein paar Landarbeiter die hinter einem vollen Erntewagen trotten. Zwangsläufig bekomme ich den Eindruck, dass hier die Zeit stehengeblieben sein müsse. Der Wagen wird von Pferden gezogen. Die Kleidung erinnert an die Landbevölkerung in Frankreich kurz vor der Revolution. Die Werkzeuge und Hilfsmittel verstärken dieses Bild. Sensen, Dreschflegel, Sicheln. „Wahrscheinlich haben die gerade im Hinterhof noch die letzte Hexe verbrannt bevor wir eintreffen.“, Mike klopft Vera auf den Hintern. „Schau zu, das du der Inquisition nicht in die Hände fällst.“ Bevor Vera noch ängstlich nachfragen kann, weiß Dumpfhirn sie zu beruhigen: „Glaub mir, sie sind friedlich, nach Innen wie nach Außen, auf diesem Planeten ist noch niemand gewaltsam ums Leben gekommen. Sichtlich beruhigt schnappt sich Vera ein Bier von der neben uns schwebenden Bar. Das Ganze gleicht einem Rosenmontagszug. Bis auf einige Wenige, die noch an Bord ihren Kater auskurieren müssen, befinden sich alle auf der Planetenoberfläche. Selbstverständlich haben wir nicht versäumt ein wenig Equipment mitzunehmen. Da wären einige Restaurants, einige Diskotheken und natürlich die Schwebebars, die uns auf Kommando mit allem Nötigen versorgen. Das Prunkstück der Sammlung ist das „Megaelixier“, ein Laden der gut und gerne 100000 Leuten Platz bietet, das gerade kurz vor der Stadt in Parkposition geht. „Und was jetzt“, will Heidi wissen. „Zieh mal“, meint Beat „Die Lösung kommt von ganz alleine.“ Wir hören wie Trinkernase ein Kommando gibt. Der Zeremonienmeister hat sofort verstanden. Um den Leuten den Weg zu verkürzen, gehen ein Restaurant und eine Bar auf der Straße in Position.
„Wir hatten diese Situation schon öfter. Zuerst wissen die bereisten Planeten überhaupt nicht was eigentlich gespielt wird. Die denken wir sind von einem anderen Stern.“ Christian sieht Trinkernase an. „Ich vergaß, sind wir ja tatsächlich.“, fährt Trinkernase fort. „Normalerweise passiert das im Großen. Auf dem ganzen Planeten werden immer nahe an den Siedlungen unsere Vergnügungspaläste positioniert. Die Leute wollen natürlich wissen, was da wohl passiert, vielleicht gibt es ja was umsonst. Und genau das ist es. Neugierig sind alle im Universum und wenn es was umsonst gibt, wären sogar eure ehemaligen Schwaben bei Fuß. Wir beginnen dann einfach mit dem was wir am besten können. Wir trinken uns warm und nach ein wenig vorglühen haben wir die größte Party am Laufen. Aber da erzähl ich ja euch nichts Neues. Zuerst schauen sie nur diesem völlig neuen Treiben zu. Anfänglich am Eingang der jeweiligen Lokalität, dann im Foyer, wo wir übrigens auch immer was zum trinken bereit stehen haben, und früher oder später probiert mal einer ein Bier. Schmecken tut es allen. Dann noch mal eins, vielleicht einen leckeren Cocktail hinterher und wenn sie dann merken, dass sie immer mehr ihre Scheu verlieren und wir ihnen keinen Schaden zufügen, tanzen sie meist schon auf den Tischen.“
„Das will ich sehen.“, meint Stefan und stürmt mit Karin im Schlepptau in die Bar, wo gerade ein Barkeeper die Tür aufsperrt. Die meisten Vierglashalter sind da ein bisschen weiser. Ihr Weg führt sie zuerst in das Restaurant, um ein ausgiebiges Katerfrühstück zu genießen.
„Aber ich hab doch gar keinen Kater.“, sage ich zu Sophie, die mich auch ins Restaurant schleppen will. „Wenn ich so recht überlege, ich eigentlich auch nicht.“, kommt es von ihr zurück.
„Eben, das wäre doch Perlen vor die Säue geschmissen. Lass uns zuerst mal was trinken, der Kater kommt dann mit Sicherheit, außerdem steht das Restaurant noch länger.“ ,ich bin völlig überrascht, dass Sophie meinem Vorschlag vorbehaltlos zustimmt, obwohl aus dem Restaurant die köstlichsten Düfte in unsere Riechnerven kriechen. Wir setzen uns zu Karin und Stefan, die uns mit vier dunklen Weizen überraschen.
„Woher habt ihr gewusst, dass wir kommen werden? Wenn Sophie nicht zugestimmt hätte, wäre ich auch zum Essen gegangen. Aber was mich am meisten verblüfft, woher ist dieses dunkle Weizen?“, ich proste kurz mit den Dreien, es schmeckt fantastisch. „Das wir genügend Weizen mithaben und auch die Braumeister auf Vierglashalter immer für Nachschub sorgen war mir klar, doch das Dunkle haben wir doch auf der Erde vergessen und ohne Rezept kriegen es nicht mal die Blechis von Vierglashalter so genial hin.“
„Alles Gute zum Geburtstag“, ich kriege von Stefan eine herzliche Umarmung. Karin folgt ihm nach.
„Alles Liebe und Gesundheit und das du immer so bleibst wie Du jetzt bist“, jetzt kriege ich sogar einen Kuss von Sophie. Ich rechne kurz nach. „Scheiße jetzt hab ich doch glatt meinen Geburtstag vergessen und ihr habt daran gedacht, oh Mann, ich bin so froh, dass es euch gibt.“
„Das dunkle Weizen hast du Stefan zu verdanken, er hat nächtelang mit dem Oberbraumeister getüftelt, damit dieses edle Getränk dabei herauskam. Sie stöberten in alten Rezeptbüchern, vermischten die verschiedenen Hopfensorten, maischten und kochten, kühlten ab und ließen es lagern. Das Resultat befindet sich in diesem Glas und das Beste; es wird ab sofort immer genügend davon zur Verfügung stehen.“, klärt mich Sophie auf.
„Gelitten hab nur ich.“, erwähnt Karin mit einem Augenzwinkern. „Nachdem, wie er sagte, das Bier ja verkostet werden muss, damit es deiner würdig ist, kam er nächtelang mit einer rot-blauen Nase und einer ausgedehnten Fahne nachhause.“
„Selbstlos wie ich bin. Und wenn ich recht bedenke, ist es wirklich piepegal, ob wir uns mit dem Datum wegen unserer Reiserei verhaut haben könnten, das Ergebnis meiner Forschung ist beeindruckend.“, ihm ohne Einschränkung zustimmend, stoßen wir an und leeren das Glas in einem Zug.
Die Landarbeiter sind hungrig. Sie spitzeln schon den Gerüchen folgend in das Restaurant. Videoüberwachung ist manchmal was Feines. Von unserem Tisch können wir alles beobachten. Auf meine Frage hin, ob überall, also auch in unseren Zimmern, Kameras installiert sind, beruhigt mich Dumpfhirn zu einem späteren Zeitpunkt:
„Da kannst du unbesorgt sein. das machen wir nur bei der Missionierung von unbekannten Planeten, damit jeder von uns sieht, was man noch verbessern kann, damit sich die Leute auch richtig wohlfühlen. Auf unseren Schiffen und auf Vierglashalter ist das absolut tabu.“
„Ja spinn ich denn, müssen die einen Kohldampf haben.“, Stefan zeigt auf den Monitor. Die ersten Mutigen am Buffet laden gleich drei Teller voll auf, um schon auf ihrem Weg zum Tisch die Hälfte eines Tellers in sich hineinzustopfen. „Ist wie deutsche Touristen „all inklusive“ in der Karibik.“, bemerkt Sophie. „Bei denen kann ich es noch verstehen, die wissen nicht, dass es später auch noch etwas gibt.“ Die Kellner sorgen bei den Sitzenden immer für volle Teller und nach kurzer Zeit ist der ganze Landarbeiterzug fleißig am spachteln und lässt es sich schmecken. Zu trinken gibt es für die Jungs vorerst frisches Bier vom Fass, damit sie nach ihrer schweren Arbeit nicht sofort von den Stühlen purzeln. Nachdem alle gesättigt sind und ihnen anzusehen ist, das nicht mal mehr ein kleines Dessert Platz hat, reichen die Kellner einen Verdauungsgrappa. Man spürt schon aus der Entfernung, wie gut der ihnen durch die Speiseröhre rinnt. „Das war wohl der erste Schritt, bin ja gespannt wie es weitergeht.“, Stefan ist ganz aufgeregt. Die Vierglashalter haben sich nicht lange mit dem Katerfrühstück aufgehalten. Während die Arbeiter gerade beim zweiten Gang waren, hatten sie schon die fünfte oder sechste Runde Morgenprossecco hinter der Binde. Wegen dem Kreislauf, wie mir Dumpfhirn vor einiger Zeit weismachen wollte. Jetzt tanzen die ersten schon auf den Tischen und mit einem Prossecco für jeden der Neulinge in der Hand, fordern die Vierglashalterfrauen die gesättigten Münder zum tanzen auf. Zwar noch ein wenig unbeholfen in der Schrittfolge, doch nach einem weiteren Grappa voll im Rhythmus klatschend werden sie schön langsam warm.
„Jetzt müssen wir aber Gas geben, bevor die mit einer Polonaise hier reinstürmen.“, das aus Sophies Munde.
Um ein wenig munterer zu werden, kippen wir schnell zwei Ecos, verstärken das ganze mit Sekt und um nicht ganz abzuheben, lassen wir noch ein dunkles Weizen die Geschmacksnerven kitzeln.
„Ich glaubs einfach nicht.“, Karin bestellt sicherheitshalber noch eine Runde.
Ehe wir uns umschauen, werden wir schon von den Tischen hochgezogen und in die Polonaise eingereiht.
„Polonaise Blankenese.“, wir hätten doch schneller trinken müssen.
Kaum hat der Spuk begonnen, führen die Vierglashalterdamen schon den ganzen Zug wieder nach draußen und begleiten sie singend in die Stadt. Ein paar Roboter ziehen den Karren und helfen, zuhause angekommen, beim abladen . Kurze Zeit später sitzen wieder alle, diesmal ohne die feiertauglichen Jungs, in der Bar.
„Da staunt Ihr, was?“, Schluckadia ist noch ganz außer Atem.
„Wir sind wirklich tief beeindruckt, doch warum habt ihr die Party schon abgebrochen. Es begann doch gerade richtig lustig zu werden?“, möchte ich wissen.
„Das ist doch ganz einfach.“, es spricht die Soziologin: „Für die Bewohner dieses Planeten ist Partymachen absolutes Neuland. Es gefällt ihnen und sie werden sicherlich diese Erfahrung nie vermissen wollen. Doch wenn wir sie schon gleich beim ersten Kontakt mit Alkohol dermaßen abfüllen, dass ihnen drei Tage das Essen aus dem Gesicht fällt, wäre es zuviel des Guten. Es ist wie in allem. Gut essen ist toll, doch zuviel dann gibt’s Bauchschmerzen. Wir sind es gewohnt. Ein kleiner Kater ist bei uns bald mal vergessen oder wir lassen ihn mit einem Bierchen am Morgen überhaupt nicht erst aufkommen. Wir wollen ihnen doch nicht bei einer guten Sache von Anfang an den Spaß nehmen.“
„Genauso ist es, wir haben ihnen gesagt, sie sollen heute Abend mit der ganzen Stadtbevölkerung ins Megaelixier kommen, damit wir dort weitermachen können.“, sicherlich hat Schlendria auch etwas in Sophies Richtung studiert. „Wir haben ihnen gesagt“...die Worte von Schlendria geben mir noch Rätsel auf. Ich wende mich an sie:
„Lass mich mal ganz blöd fragen, soviel ich weiß habt Ihr die Gurgelfroschsensoren, aufgrund deren Ergebnisse ihr die jeweiligen Sprachen lernte. Soweit richtig?“ Schlendria nickt.
„Aber auf diesem Planeten gab es bis zu unserer Ankunft überhaupt keinen Alkohol, somit konntet ihr doch auch nicht wissen mit welchen Lauten sich die Leute hier artikulieren.“
„Absolut richtig“ erklärt Schlendria. „Doch du wirst staunen. Diese Leute sehen zwar bescheiden aus, sind aber bei weitem nicht blöd. Da sie während ihrer jahrelangen, stumpfsinnigen Arbeiterei sowieso nie richtig mit Worten ausgedrückt haben, entwickelten sie eine sprachlose Kommunikation, die es ihnen ermöglicht, die Gehirnwellen anzuzapfen und somit ohne Worte mit anderen zu sprechen. Wenn Du jetzt glaubst sie wären Gedankenleser, dann bist Du auf dem Holzweg. Das geht nur wenn man sich total öffnet und es zulässt. Bei vielen anderen hat diese Methode versagt, da jeder meist geistige Scheuklappen trägt. Aber du kennst uns. Erstens sind wir für alles offen und zweitens, wenn man genug getrunken hat, sind diese Abwehrmechanismen eh schon beim Teufel...Abgesehen davon, die Sprache hätten wir sowieso während einer Nachtsitzung erlernt.“ Schön langsam wird mir immer klarer, dass wahrscheinlich wir Menschen die größten Deppen im Universum sind. Ich frage mich gerade, warum die Landarbeiter schon kurz vor der Mittagsstunde ihren Weg nachhause angetreten sind, als Jessie mich fragt: „Du bist doch mit Christian gut bekannt, bist du wirklich sicher, dass er nicht sauer ist, wenn ich ein wenig mit Schluckspecht rumziehe?“ Ich bin erstaunt über diese Frage da ich annahm es sei alles aufs beste geregelt.
„Ja klar, mir wäre jedenfalls nichts gegenteiliges bekannt. So wie ich das sehe, amüsiert ihr beiden euch doch prächtig und daran ist nun wirklich nichts auszusetzen.“ Ich komme nicht dazu, mich weiter mit ihrer Fragestellung zu beschäftigen. Wir müssen noch mal zurück aufs Schiff um uns für den Abend vorzubereiten.
„Das Rote, das Blaue, oder das kleine Schwarze?“, Sophie steht unschlüssig im Ankleidezimmer und kann sich wegen der immensen Auswahl wieder mal nicht entscheiden. „Wie wär’s mit einem Bärenfell, dann hast Du sicher die Bewunderung der gesamten Bevölkerung auf Deiner Seite.“, mich ignorierend schlüpft sie in das Schwarze und verschwindet im Bad um den Lidstrich zu vervollkommnen. Ich schnappe mir ein Büchse Bier und beschließe am Strand ein wenig die Abendsonne zu genießen. Gerade als ich es mir im Liegestuhl bequem gemacht habe, sehe ich Christian zwischen den Palmen hervorkommen: „Hast Du mir auch Eins, das Schminken kann bei Schlendria wahrscheinlich noch ewig dauern.“ Ich gehe schnell zur Strandbar und lasse mir von Barkeeper einen Eimer Eis mit einigen Bierdosen geben. Christian sieht ein wenig so aus, als ob er jemanden zum reden bräuchte. Als ich ihm eine Dose reiche sprudelt es auch schon aus ihm heraus:
„Ich weiß nicht, was ich machen soll. Du kennst mich. Für ein Abenteuer bin ich immer zu haben. Doch jetzt haben wir den Salat, ich glaube Schlendria hat sich in mich verliebt. Weißt du, ich hatte die letzten Wochen viel Zeit um über mich, meine Zukunft und überhaupt alles nachzudenken. Schlendria ist wirklich ein Supertyp, aber eine längere Beziehung mit ihr kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Wir haben zwar sehr viel gemeinsam, doch fehlt noch das gewisse Quentchen. Wir haben wirklich viel Spaß miteinander, wie du sicherlich schon bemerkt hast. Wir trinken, rauchen, feiern zusammen, im Bett klappt es auch ganz gut, doch es ist nicht Das.
Fast beneide ich dich und Sophie ein wenig. Zuerst dachte ich, es wäre doch super, wenn ich das Gleiche mit Jessie haben könnte. So wären wir Erdlinge alle versorgt. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr spukte mir immer die süße Italienerin im Kopf rum. Weißt du noch? Eine von den Vieren, die mit den drei Jungs nach Griechenland abgedüst ist. Ich habe keine Ahnung, ob wir sie jemals wieder sehen werden. Aber irgendwann möchte ich wieder nachhause oder zumindest zurück auf die Erde. Kurzzeitig dachte ich auch darüber nach, dass ich es mit Jessie versuchen könnte. Viele Leute sagen ja, dass Liebe auch wachsen kann, doch gestern eröffnete sie mir, dass sie und Schluckspecht für immer zusammenbleiben wollen.“ Jetzt weiß ich auch, auf was Jessie heute Nachmittag hinauswollte. Christian macht weiter: „Eigentlich bin ich ganz froh darüber. Ich meine das Weltall ist unendlich groß und irgendwann treffe ich vielleicht mal jemanden der zu mir passt. Nachdem Jessie mir das mit Schluckspecht erzählt hat muss ich mir darüber wenigstens keine Gedanken mehr machen. Nur was mache ich mit Schlendria?“ Au Mann, ich wollte wirklich nicht in seiner Haut stecken und frage noch mal nach:
„Willst du dann Schlendria reinen Wein einschenken?“
„Ich weiß nicht. Ich will sie ja auch nicht verletzten, außerdem gefällt mir die jetzig Situation so schlecht auch wieder nicht. Es wäre alles so schön gewesen, wenn sie das mit dem Verliebtsein nicht angesprochen hätte.“
„Tja, ganz schön verfahren das Ganze. Aber ich denke über kurz oder lang muss die Wahrheit auf den Tisch, sonst steigert sie sich noch weiter rein und du weißt, dass das nur mit Tränen und Leid enden kann.“
„Ich weiß, ich weiß.“, fast resigniert nippt er an seinem Bier.
Wir kommen nicht dazu die Sache weiter zu erörtern. Sophie spaziert mit perfekt gezogenem Lidstrich auf uns zu: „So ihr Trantüten, können wir jetzt endlich los?“
Sehr froh darüber, dass es wieder etwas zu feiern gibt, schließen wir uns ihr an und besteigen die Fähre, die uns wieder zurück auf die Planetenoberfläche bringt.
Das Megaelixier erwartet uns komplett ausstaffiert. Die Barkeeper stehen bereit und alle haben sich in Schale geworfen. Es fehlen nur noch unsere Gäste. „Meinst Du, wir könnten ihnen auch das Rauchen beibringen, der Chefbotaniker hat wirklich eine Wahnsinnsrezeptur zusammengezüchtet.“, verzückt zieht Heidi an der neuen Kräutermischung und sieht Trinkernase fragend an. „Ja klar, lass ihnen aber eine Chance auch genug zu trinken und zu feiern, denn wenn es so wird wie bei Euch beiden...“, er sieht Heidi und Beat amüsiert an. „..bekommen sie vom Abend nichts mehr mit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ihr euch demöfteren dermaßen zugeblasen habt, dass ihr die ganze Nacht damit verbrachtet die Sandkörner am Strand zu zählen und jedem einzelnen einen Namen zu geben. Ihr hättet euch wirklich sehen müssen. Wir haben uns scheckig gelacht.“
„Ihr müsstet uns dankbar sein, stellt euch doch nur mal vor, wenn wir noch ca. 2 Millionen Jahre Zeit hätten, wäre Vierglashalter der einzige Planet mit namentlich bekannten Sandkörnern, wir würden in die Geschichte eingehen“, sichtlich stolz auf seine Bereicherung des Standesamtwesens auf Vierglashalter nimmt Beat einen Zug von seiner neuen Pfeife.
„Sie kommen, sie kommen.“, Stefan ist wieder ganz aufgeregt.
Wie bei einem Stehempfang wuseln die fleißigen Kellner zwischen den Bewohnern hin und her und versorgen sie mit kleinen Häppchen und Sekt zum Warmwerden. Auch sie haben sich in Schale geworfen. Doch irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass das Megaelixier ein wenig überdimensioniert ist. Die angrenzende Stadt hat bei weitem nicht die Einwohnerzahl, die nötig wäre um den Laden voll zu kriegen. Nur zu einem Drittel gefüllt startet nach dem üblichen Warmmachen nach und nach die Fete. Wie mir Dumpfhirn sagte nennen sich die Einwohner einfach Arbeiter. Er meinte, dass sie uns sehr ähnlich sehen und in der Tat, wenn man von den flachen Hinterköpfen und ihrer Hautfarbe, grau in grau, absieht, gingen sie glatt als Menschen durch. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen sprachlos mit ihnen zu kommunizieren. „Das ist deshalb für Dich so schwer, weil du sowieso immer den Schnabel offen hast.“, meint Sophie. „Bei dir ist es doch immer so, dass du zuerst hören musst was du sagst, bevor du weißt was du denkst.“, fügt sie lachend hinzu. Über diese Worte nachdenkend mische ich mich unter die Arbeiter um zu hören, was ihre Gedanken zu sagen haben. An einem Bierstand treffe ich auf eine Gruppe Frauen, die gekleidet wie Quäker beim sonntäglichen Kirchgang, vorsichtig das frisch gezapfte Pils probieren. Dazwischen entdecke ich Christian, der gerade intensiv mit einer jüngeren Frau um die Wette denkt. „Komm gesell Dich zu uns.“, winkt er mir zu. „Ich habe schon viel von ihnen erfahren.“
„Kann ich mir denken.“, gebe ich zurück. Wahrscheinlich ist der Gute wieder auf Brautschau. Mit der Entschuldigung, dass ich mir auch schnell ein Bier holen müssen, schlendre ich ein wenig weiter. Immer wieder denke ich an die Worte von Trinkernase, dass die Arbeiter auch genügend Roboter zu Verfügung hätten. Doch seit unserer Ankunft, habe ich nirgends Anzeichen einer höheren Technisierung als den Ochsenpflug gesehen.
Ich tingle an einen Weizenstand, um dort Stefan vorzufinden, der gerade einem Arbeiter das schaumfreie Einschenken beibringt. „Klappt doch schon ganz gut.“, höre ich ihn sagen. „Und das beim ersten Mal“, meine ich das der Arbeiter antwortet. Mit einem bisschen Konzentration oder besser mit noch ein paar Bier kriege ich das schon hin. „Hast Du Sophie gesehen?“, frage ich Stefan. „Ich glaube, sie unterhält sich an der Cocktailbar unten am Wasser mit Karin, wenn sie noch stehen können.“, bekomme ich zur Antwort. Nach einem Stärkungsweizen mit Stefan und dem Arbeiter begebe ich mich auf die Suche nach ihr. Vielleicht kann sie mir helfen das Geheimnis der fehlenden Roboter zu ergründen.
Wenn ich eine halbe Stunde später an der Cocktailbar eingetroffen wäre, hätte Stefan recht behalten. Karin und Sophie sind gerade auf B52 und ich kenne Sophie, wenn sie mal damit anfängt, dauert es meist nicht lange, dass sie die Flügel hängen lässt und die Beine ihren Dienst versagen. „Hast Du mal einen Moment Zeit für mich?“, klemme ich mich dazwischen. „Nur wenn Du einen Purzelbaum schlägst und dabei einen trinkst ohne etwas zu verschütten.“, kommt es zurück..
„War nur ein Scherz, trink einfach so einen mit uns und dann sagst du mir was Du auf dem Herzen hast.“ Sie reicht mir ein Glas. Ich erkläre ihr, dass ich gerne auf die Suche nach der Technik gehen würde, um ein wenig mehr über diesen Planeten zu erfahren. Karin, die unser kurzes Gespräch mitbekommen hat, ist der Ansicht, dass wir vielleicht mal schnell mit einem Taxi in die Stadt düsen sollten, um uns dort umzusehen, außerdem seien alle noch beim beschnuppern und die richtige Party würde eh erst in ein bis zwei Stunden steigen.
Mit einem Kellner und genügend Dosenbier ausgestattet erreichen wir binnen kürzester Zeit die menschenleere Stadt. „Sieht alles recht friedlich aus.“, meint Sophie, die es sich nicht nehmen ließ einen Vorrat B52 in einem kleinen Fässchen mitzunehmen, das der Kellner neben uns herträgt. Wir durchstreifen die Straßen. Es gibt Geschäfte mit Waren, wie sie vor ungefähr 200 Jahren auf der Erde zu bekommen waren. Nur Gasthäuser sehen wir keine. Klar wo es keinen Alkohol gibt, macht auch eine Kneipe keinen Sinn. Ansonsten sehen wir nichts, was irgendwie außergewöhnlich wäre oder nach unserer besonderen Aufmerksamkeit verlangt.
„Das ist ziemlich fad hier, kommt lasst uns doch mit dem Taxi mal eine kleine Exkursion über den Planeten fliegen. Vielleicht entdecken wir da was, außerdem haben wir dann immer noch genug Zeit um die Party zu besuchen.“, schlägt Karin vor. „Aber nur, wenn wir wenn wir das Fluggerät tauschen. Ich fand das Beobachten von Vierglashalter in der Kommandolounge kurz vor unserem Abflug recht prickelnd, außerdem könnten wir dann noch eine Kleinigkeit essen.“, Sophie denkt wirklich mit. Wir lassen uns mit dem Taxi wieder zurück zum Megaelixier bringen, wechseln schnell in eine Kommandolounge und düsen in wenigen Minuten von der Abendstimmung in den Sonnenaufgang auf der gegenüberliegende Planetenseite. Kleine Ortschaften und Städte, ähnlich der eben besuchten ziehen unter unseren Augen vorbei. Wir sind gerade in der vierten oder fünften Umkreisung als es Karin zuerst entdeckt: „Habt Ihr das gesehen?“, dem Kommandanten heißt sie mal runterzugehen. Inmitten eines riesigen, weit und breit unbewohnten Wüstengebietes erstreckt sich eine Halbkugel mit den Ausmaßen von Frankreich ca. 20 Kilometer in die Höhe. Wenn das ein wirklicher Ball ist, der silbern in der Sonne unter uns glänzt, sehen wir mit Sicherheit nur die Spitze des Eisberges. Der äußerste Radius muss dann mit Sicherheit weit, weit unter der Oberfläche im verborgenen sein. Wir fliegen das komplette Ding von allen Seiten an, entdecken jedoch weder eine Lücke in der Oberfläche noch irgendetwas was von der symmetrischen Form abweichen würde. „Wie eine eingegrabene Billardkugel.“, bemerkt Sophie. „Richtig unheimlich.“
„Mir ist auch nicht unbedingt wohl dabei, außerdem könnte die Fete gerade in die Zielgerade gehen, lass uns besser mal zur Party zurückfliegen.“, Karin hat recht. Wir lassen uns wieder vor dem Megaelixier absetzen und trinken zuerst mal einen Kurzen um alles besser zu Verdauen. Stefan’ s neuer Freund schenkt mittlerweile schon zwei Weizen gleichzeitig ein. Mike stimmt gerade mit ungefähr 1000 Leuten „Und wer im Januar geboren ist“ an und ich könnte wetten, dies ist nicht das erstemal ist. So wie manche schon recht weinbeseelt ihre Gläser halten, waren zuvor mindestens schon einige Runden, bei welchen doch viele garantiert bei jedem Monat aufgestanden sind und in einem Zug ausgetrunken haben. Ich bin mir nicht sicher, doch ich glaube zu sehen, wie die Arbeiter richtig Farbe, gesunde Hautfarbe, annehmen. Sicherheitshalber frage ich Sophie, die sich gerade mit einer Quäkerfrau unterhält. „Ist mir auch schon aufgefallen, sie entwickeln gerade richtig menschliche Züge. Sieh Dich um. Sie tanzen, lachen, trinken und flirten. Ich habe selten eine so ausgelassene Menge gesehen. Hoffentlich halten sich ihre Kopfschmerzen Morgen in Grenzen.“ Trinkernase der sich gerade mit einem Tablett Tequilla zu uns stößt, weiß auch hier uns zu beruhigen: „Jeder der das Megaelixier verlässt bekommt noch als Abschiedsdrink eine Mischung aus Aspirin und Alka-Seltzer, damit sie uns nach dem Aufwachen nicht komplett verfluchen.“ Ich erzähle ihm von unserem kleinen Planetentrip und der überdimensionalen Bocciakugel.
„Ei der Daus, und ich dachte der war nur sternhagelvoll.“, Trinkernase hat eine Erleuchtung.
„Wer?“, jetzt kenn ich mich wieder nicht aus. Trinkernase verschwindet in der Menge, um nach kurzer Zeit wieder mit einem älteren Männchen und einem weiteren Tablett, diesmal Sambucca, aufzutauchen. „Erzähl dem mal..“ ,er zeigt auf mich „..was Du mir vorhin berichtet hast“. Schön langsam erreiche ich den richtigen Pegel. Genau wie den Gesang, so höre ich auch die Stimme des grauhaarigen Mannes direkt in mein Gehirn eindringen.
„Wie ihr seht habe ich mich mein Leben lang krummgelegt.“, deutet er auf seinen Buckel „mein ganzes Leben gearbeitet und geschunden. Ich hörte von meinem Großvater, dass der von seiner Urgroßmutter und die wiederum aus einer langen Ahnengalerie gehört hätte, dass wir früher einmal ganz anders gelebt haben. Wir hätten gefeiert und uns des Lebens erfreut. Eine bei weitem nicht benötigte Anzahl an Arbeitsrobotern wäre zur Verfügung gestanden und es hätte uns an nichts gemangelt. Irgendwann kam ein übereifriger Gesundheitsapostel darauf, dass nur in der Arbeit die wahre Freude des Lebens liegt. Anscheinend waren zu diesem Zeitpunkt etliche des Feierns überdrüssig und waren wie der „Ora et Labora Typ“ der Ansicht man müsse es doch mal anders versuchen. Religion im üblichen Sinne gab es zwar nicht, doch wurde mit der Zeit die Arbeit über alles andere gesetzt. Sie war Inhalt und Zweck des Daseins. Man redete nicht mehr, da diese Energie wesentlich besser für andere Tätigkeiten genutzt werden könne. Die Maschinen wurden in einem riesigen kugelförmigen Depot eingemottet und gerieten in Vergessenheit. Keiner von uns wäre nur auf die Idee gekommen sich auf die Suche nach diesem Lager zu begeben, da ja die Arbeit darunter leiden könnte. Ich glaube ich bin der Einzige der jemals einen Gedanken daran verschwendet hat, doch die anderen hielten mich für komplett verrückt, weil jeder annahm, dass solch paradiesische Umstände unmöglich existieren könnten und bevor ich zu sehr in die Isolation geriet, beschloss ich so zu tun als sei ich doch ganz „normal“ und habe mich meinem Schicksal zu ergeben. Es wäre ohne technische Hilfsmittel sowieso unmöglich gewesen diese enorme Strecke zurückzulegen, vor allem wenn man eh nicht weiß was und wo man suchen muss. Ihr habt es geschafft die Leute behutsam aus ihrer Lethargie zu befreien und sie wieder ins Leben zurückzuführen. Wenn ihr uns jetzt noch helfen könntet die Maschinen und Roboter aus ihrem Winterschlaf zu erwecken, bin ich mir sicher, dass ihr einen weiteren Verbündeten gegen den Griesgramglobus gefunden habt.“
„Ist ja wie in einem schlechten Märchen.“, höre ich Karin in ihr Glas sprudeln.
„Ganz im Gegenteil, wir machen eine richtig gutes Happy End daraus. Darauf sind wir spezialisiert.“ Quietschend vor Freude gibt Trinkernase seine Anweisungen an die im Orbit wartende Roboterflotte.
„Komm mein alter Freund, wenn wir heute lange genug feiern, könnt ihr morgen lange genug schlafen und wenn Ihr aufwacht, sieht die Welt schon anders aus“ Mit diesen Worten verschwindet Trinkernase mit dem Buckligen in der Menge um den Weg Richtung Dschungelbar anzupeilen.
„Wohl gestern ein bisschen länger geworden“, dringt an mein Ohr als die Putzkolonne gerade das Megaelixier wieder auf Vordermann bringt. Ich richte mich auf. Rund um die Strandbar bin ich nicht der Einzige der versumpft zu sein scheint. Sophie liegt an paar Meter neben mir und hat sich um eine Palette Dosenbier gewickelt. Stefan träumt noch unter einer Palme vom perfekten Weizen. Christian’s Kopf ist verdeckt unter einem Quäkerrock, Karin, Vera und Mike waschen sich gerade am Wasser die letzten Bierkrusten aus dem Gesicht und Beat diskutiert mit Heidi, welchen Namen sie Sandkorn 2343 geben sollen. Auch Trinkernase, Schluckspecht, Dumpfhirn und noch andere Vierglashalter haben noch ziemlich Schlagseite. Erst nach und nach bewegen sie sich, ohne wieder zurück in den Sand zu knallen, Richtung Strandbar um eine Bloody Mary zu bestellen. Nach der Beleuchtung im Megaelixier zu schließen ist es kurz vor Mittag. Die künstliche Sonne steht schon fast im Zenit. Ich springe kurz ins Wasser, damit es, wenigstens für ein paar Minuten, die Falten aus dem Gesicht zieht. Herrlich, ich spüre wie die Lebensgeister wieder in meinen Körper zurückkehren. Um auch meine Innereien wieder zum Jubilieren zu bringen, stapfe ich zu Dumpfhirn & Co. und bestelle mir auch eine blutige Maria. „Na wieder fit?“, Schluckspecht ist inzwischen schon beim dritten Morgentrunk angelangt.
Mein Kopf brummt schon noch ein wenig. Ohne auf seine Frage direkt einzugehen, interessiert mich brennend:
„Ich weiß ja wirklich nicht genau, wann ich gestern den Löffel geschmissen habe, aber soweit ich mich erinnern kann, waren zu diesem Zeitpunkt alle Arbeiter noch kräftig am Feiern und Tanzen und ich bin mir sicher, sie hatten nie den Hauch einer Chance, nicht robbend nach Hause kriechen zu müssen, wobei sie spätestens nach ein paar Metern auf der Strecke zur Stadt liegengeblieben wären.“
„Da hast du absolut recht. Doch im Gegensatz zu dir, altes Weichei, haben sie wenigstens noch ein Weilchen durchgehalten und sind erst nach und nach umgekippt. Da keiner mehr gehen konnte, haben wir ihnen den letzten Drink, eben bestehend aus ein paar Vitaminen und Kopfschmerztabletten durch die Sanitätsroboter einfach im Schlaf verabreicht. Die Träger brachten sie dann in ihre Wohnungen. Komischerweise konnte jeder noch, wenn auch ziemlich schwer verständlich, erklären wo er genau wohnt.“
Von wegen Weichei, zum Nachhausegehen habe ich bisher auch noch nie einen Kompass benötigt. Mein Kopf wird wieder ein weniger schwerer. Um ihn noch mal ein wenig zu erleichtern, hüpfe ich wiederholt ins Wasser um danach mit einem Eiskübel Sophie von den Toten zu erwecken.
„Ahh, spinnst Du denn komplett.“, die Gute springt hoch und versucht den Herzinfarkt doch noch in die entfernte Zukunft umzupolen. Sicherheitshalber entferne ich mich schnellen Schrittes und lasse mir von einem fliegenden Händler ein paar neue Klamotten geben. Wohlweislich, dass auch Sophie etwas Trockenes zum Anziehen braucht und damit ich nicht eine dementsprechende Retourkutsche abkriege, nehme ich ihr etwas Frisches zum Überziehen mit und trage es wie einen Ritterschild vor mir her. Die kleine Abkühlung hat ihr scheinbar nicht geschadet, das Herz schlägt noch und entgegen meinen Erwartungen, empfängt sie mich an einem Tisch mit zwei frischen Espresso. Nachdem wir auch noch ein paar frische Ananas und Mango genossen,
gehen wir Richtung Ausgang, um ein wenig frische Luft zu schnappen.
„Ich glaub mein Schwein pfeift.“ , um zu vermeiden, dass Sophie doch noch einen Herzkasperl bekommt, pfeife ich ein kleines Liedchen in den Tag. „Hättest Du jetzt nicht extra machen müssen altes Erdferkel.“, lacht sie mich an. „Aber Du musst zugeben, das hier übertrifft fast alles was wir bisher zu sehen bekamen.“
So wie es aussieht, hat die ganze Armada der Vierglasroboter heute Nacht die lange vergessenen Roboter und Maschinen der Arbeiter reanimiert und auf dem ganzen Planeten verteilt. Vor unseren Augen entstehen neue Häuser, Maschinenhallen, Gärten und sogar eine Brauerei ist schon fast fertiggestellt. Durch das Hämmern, Schrauben und Schweißen geweckt, stehen die Arbeiter, sowieso noch ziemlich verkatert von gestern, fassungslos inmitten des Geschehens und reiben sich die Augen. Was hier geschieht, übersteigt im Augenblick ihre sämtliche Vorstellungskraft. Wiederholt können wir beobachten, wie sie sich gegenseitig Zwicken oder sicherheitshalber gleich in die Weichteile hauen, um auch wirklich zu 100% zu wissen, dass sie nicht träumen. Bis auf ihren verdatterten Gesichtsausdruck und den immer noch flachen Hinterkopf, sehen sie inzwischen so aus wie wir. Das grau in grau ist, abgesehen davon, dass einige wegen gestern noch ein wenig blass oder grünlich wirken, einer menschlichen Hautfarbe gewichen. „Schau, sogar bei ihren Augen sieht man jetzt das Weiße, nicht mehr so grau und verschwommen wie gestern.“, mir ist aufgefallen dass manche wirklich strahlende Augen haben. „Ganz im Gegensatz zu Dir.“, Sophie sieht mich tief an: „Das einzig Weiße in deinen Sehorganen, ist das Rote darin.“ Ich muss zugeben, dass Dies durchaus noch der Fall sein könnte.
„So ne Planetenmissionierung ist ganz schön anstrengend.“, Jessie, die ich gestern den ganzen Abend nicht zu Gesicht bekam, zog die ganze Nacht mit Schluckspecht durch die dunklen, verruchten Bars in den Untergeschossen des Megaelixier und leistete dort ihren Beitrag zur Wiederauferstehung der Bewohner des Arbeitsplaneten. Sie turtelt mit ihm gerade in einer Ecke des frisch erbauten „Kohlengrube“, einem Restaurant, das in Zukunft durch seine stollenähnliche Inneneinrichtung nostalgische Gefühle bei den Arbeitern wecken soll, jedoch ohne dass sie sich diese Vergangenheit wieder zurückwünschen. Christian tut dem gleich, allerdings nicht mehr mit Schlendria, die er dank der Einstellung auf Vierglashalter ohne irgendwelche verletzten Gefühle zu hinterlassen von ihren Pflichten des Zusammenseins entbunden hat. Die Dame, die ihm freundlicherweise letzte Nacht ihren Rock zur Verfügung stellte, sitzt händchenhaltend neben ihm und war nur deshalb nicht neben ihm gelegen, da auch sie von den freundlichen Trägern, die sie ziemlich zerzaust neben Christian liegen sahen, nachhause begleitet wurde. Jessie wendet sich an Trinkernase: „Also ehrlich, so ein Missionsgelage ist ja wirklich was Tolles, doch wenn ich überlege, dass ungefähr noch 399 Planten auf unserem Weg zum Griesgramglobus von uns getauft werden sollen, dann vergehen ja Jahre, und während dieser Zeit breiten sich die Griesis immer weiter aus.“ Trinkernase, der gerade mit einem Arbeiter namens Cappo ein Bierchen zischt erklärt: „Bevor wir gestern aus den Latschen gekippt sind haben wir..“ er deutet auf seinen Nebenan „...nach etlichen Runden des Brüderschaftstrinkens die Karten ein wenig neu gemischt. Es wird nicht lange dauern, dann steht auch auf diesem Planeten genug Partyequipment zur Verfügung. Die Jungs werden alle restlichen neutralen Planeten bereisen, damit wir, dank unserer Erfahrung, zum schwierigeren Teil unserer Mission übergehen können. Die Bekehrung aller Planeten unter dem Einfluss des Griesgramglobuses und natürlich die Machthaber von Griesgramglobus selbst. Denn haben wir es geschafft die Zentrale zum Feiern zu bewegen, wird das ganze Reich zerfallen und alle werden glücklich sein. Ich weiß, es wird kein leichtes Unterfangen werden, doch ich denke, es wird schon irgendwie zu bewerkstelligen sein. Das einzige Problem sehe ich noch darin, wie wir möglichst unerkannt bei ihnen landen können, damit wir mit der größten Sause, die das Universum je gesehen hat, den Überraschungseffekt voll nutzen können. Ein wenig Kopfzerbrechen bereitet mir auch noch, ob sie nicht noch mal eine Nebelwolke ins All gepumpt haben um auch wirklich sicher zu gehen, dass ihre Pläne nicht mehr von anderen durchkreuzt werden können. Doch das Schwerwiegendste, sollte dies der Fall sein, halten unser elektromagnetischen Wodka-Brause-Schutzschilde?“, fast nachdenklich prostet er Cappo zu.
„Aber das ist es doch“, Stefan, der den Traum vom perfekten Weizen gerade verwirklichen will, indem er Dunkel und Hell mischt, springt mit einer Flasche und Glas bewaffnet auf den Tisch. „Nebel!“, wir sehen ihn verblüfft an. „Wie, Nebel?“, ich habe keine Ahnung was er meint. Stefan setzt einen drauf: „Jetzt denkt doch mal nach. Die Griesis haben mit einem Schlag das Universum von allem Leben, von uns und wenigen anderen abgesehen, das ihnen nicht konform erscheint befreit. Und was war ihre Waffe?.. Nebel! Dämmert es schön langsam? Wir schlagen sie mit ihren eigenen Waffen.“, er wendet sich an Trinkernase: „Es dürfte doch kein Problem darstellen, einen riesigen Zerstäuber zu bauen, den wir mit Wodka-Brause befüllen, um den ganzen Griesgramglobus damit einzunebeln. Gerade so wie man die Pflänzchen zuhause mit Wasser besprüht, damit sie wachsen und gedeihen. Wenn wir Glück haben, wird vielleicht sogar die Nebelsubstanz neutralisiert, sofern sie dann eh schon angesäuselt sind, gehen wir in die Vollen und starten die Fete und ihr werdet sehen. Die wollen danach nie mehr etwas anderes als Feiern.“
Gejohle, stehender Applaus, Füßestampfen, Ex-Trinken, Nachbestellen, Schulterklopfen, Umarmen. Stefan, der Retter des Universums.
„Keine schlechte Idee“, gibt ihm Trinkernase recht. „Nachdem die Roboter von hier mittlerweile schon wissen, wie sie alles Tun können, um den Bewohnern Freude zu bereiten und die Entwicklung weiter voran zu treiben, lassen wir ein Missionsschiff in einen Zerstäuber umbauen. Allerdings werdet ihr..“, er meint Cappo. „..für den Anfang auf große Mengen Wodka-Brause verzichten müssen, da wir die erste Produktion komplett für den Griesgramglobus benötigen werden. Ich bitte um euer Verständnis, wenn wir unsere Vorräte nicht unnötig anbrechen wollen; es könnte ja durchaus sein, dass wir den Zerstäuber noch mal nachladen müssen, außerdem, ein kleines Schlückchen ab und zu zur Stärkung der Abwehrkräfte, homöopathisch sozusagen, kann auch nicht schaden.“ Abgesehen davon, dass unsere Rücklage wahrscheinlich bis zum St.-Nimmerleins-Tag ausreichen wird, kann ich Trinkernase nur allzugut verstehen. Sicher ist Sicher.
„Meinst Du, ich könnte sie mitnehmen?“, frägt mich Christian ungefähr am zweiten Tag unserer „Stefan der Held Feier“ ,die wir sofort nach seiner Offenbarung in Eingriff nahmen.
„Wen mitnehmen?“, ich kann es mir zwar fast schon denken, doch möchte ich nur allzu gerne wissen, wie er sie kennengelernt hat. Ich sehe wieder die nie mehr erscheinende Bild-Schlagzeil: „Weltallhengst geht in die zweite Runde“. „Die Frau mit dem Quäkerrock?“, ich sehe ihn unschuldig an. „Du weißt schon, die dort hinten steht.“
„Ich sehe keine Frau mit Quäkerrock.“, gebe ich, wohl wissend, das die Damen der Arbeiter die alten Röcke gegen scharfen Fummel aus einer Vierglashalterboutique getauscht haben, zurück. Christian versucht es noch mal:
„Die Hübsche, die gerade mit Sophie versucht aus vier Flaschen gleichzeitig zu trinken, die ihnen gerade Schluckadia dank ihres Handaufbaus problemlos verabreicht.“ Ich bin richtig stolz auf Sophie. Abgesehen von der Tatsache, dass sie alles versucht, um neue Möglichkeiten der Verkonsumierung von Bier zu testen, bezieht sie gleich Freunde und Bekannte in ihre Experimente mit ein, damit sie gleich am wissenschaftlichen Vorsprung partizipieren können. „Ach die, wohin willst Du sie den mitnehmen, auf die Erde?“, erbarme ich mich endlich.
„Ach Quatschkopf, zum Griesgramglobus natürlich. Schau an, das arme Kind hat in ihrem Leben noch nie etwas anderes gesehen als das was wir vorfanden, als wir hier gelandet sind. Sie kennt nur das Haus ihrer Eltern und die Felder, die sie tagein, tagaus beackert hat. Sie möchte einfach mal raus und das Universum kennenlernen.“
„Und beim Beackern der anderen Art bis du selbstverständlich uneigennützig, selbstlos und aufopfernd der Instrukteur, der ihr die neue Welt erklären kann.“, ich versuche ihn hochzunehmen.
„Ich weiß, es ist ein harter Job. Aber mir sind diesbezüglich keine Täler zu tief und keine Gipfel zu hoch, aber einer muss es machen.“, er meint es wirklich ernst. Um sicher zu gehen, dass es sie nicht doch irgendwann Ärger gibt, frag ich noch mal nach: „Aber du sagtest mir doch erst vor kurzem, dass du die süße Italienerin sehr gerne näher kennenlernen möchtest und wieder auf der Erde dein Domizil aufschlagen willst... war im Vergleich zu Vierglashalter wirklichein Scheißplanet, aber irgendwie vermisse ich die gute, alte blaue Kugel auch ein bisschen. Aber weiß eh kein Schwein, ob es überhaupt eine Rückkehr vom Griesgramglobus geben wird. Was mich aber wirklich noch interessiert, wie hast du sie aufgerissen und würdest du sie, falls wir wieder mal heim kommen, es in Erwägung ziehen sie mitzunehmen?“
Christians Antwort ist genauso verblüffend wie einfach: „Kennengelernt? abgefüllt, abgeknutscht, ab ins Meer, Mond unter Palmen, Liebe am Strand...“ Mit dem alles klar Blick sehe ich ihn an. „Nein! Nicht wie du denkst. Sie hat mich abgefüllt, abgeknutscht usw. ich war wirklich nur passiv. Echt, wenn ich es so bedenke, dass sie das erstemal auf einer Party war.. einfach ein Naturtalent, aus ihr kann wirklich noch etwas werden. Kleines, süßes Miststück. Das ist auch der Grund, warum ich sie nicht auf die Erde mitnehmen wollte. Angenommen wir kriegen Besuch, von wem auch immer, sie wird sich gleich dem Erstbesten an den Hals schmeißen. Doch sie ist ein netter Zeitvertreib. Außerdem, Du, Mike, Beat, Stefan seid in guten Händen und bis sie merkt, wie schön Vierglashaltermänner sein können, sind wir schon lange wieder zurück und haben sie hier wieder abgeliefert... hoffe ich zumindest.“ „Und wie heißt dann dieses Begabungsgenie.“, will ich wissen. „Heißen?, mmh danach habe ich noch gar nicht gefragt, doch zu meiner Entschuldigung sei gesagt, sie mich auch nicht.“ Ich bin richtig froh, dass Christian wieder zu seiner alten Form aufgelaufen ist. „Und was ist mit Jessie?“ Vielleicht weiß Christian Dinge, die mir bisher entgangen sind. „Jessie das ist so ein Fall. Ich denke sie hat endlich ihren Meister gefunden. Während unserer ganzen Reise bis Mallorca war sie doch meist zickig und versuchte mir immer einen reinzuwürgen. Es war, wenn du so willst eine Hassliebe, eine Zweckgemeinschaft. Sie war eine Zicke, die immer erst vollends zufrieden gewesen ist, wenn sie Männer ins Unglück stürzen konnte. Das hat ihr gefallen, ihr Selbstverständnis gestärkt und ihr die Bestätigung gegeben, dass sie es ist, die den Ton angibt. Ein Machtspiel, vielleicht ist sie mal auf die Schnauze gefallen und versuchte es den Männern in gleichem Maße heimzuzahlen. Doch Schluckspecht hat sie völlig verändert. Sie schnurrt bei ihm wie ein Kätzchen. Sie scheint glücklich zu sein. Ich gönne es ihr wirklich von ganzem Herzen. Ich denke, sie wird auf Vierglashalter bleiben, wenn wir alles hinter uns gebracht haben. Heirat nicht ausgeschlossen.“ Christian und ich gehen zu Sophie und ???. Sophie stellt uns vor:
„Das ist Nadine.“, lässt sie uns wissen. Das mit den Namen ist auf dem Arbeitsplaneten das gleiche Kuddelmuddel wie auf Vierglashalter. Zwar kann ich mir ihr Gesicht merken, doch ob das, was wir zu verstehen glauben, identisch ist mit dem, was uns die Einwohner sagen, sei dahingestellt. Wahrscheinlich wollen auch diese, uns weit überlegenen, Leute einfach nur einen Gefallen tun, indem sie uns erlauben, mit unseren beschränkten Möglichkeiten zu kommunizieren. Sie ist wirklich eine Augenweide. Bevor ich Sophie kennenlernte, wäre ich wahrscheinlich auf sie reingefallen, um mich kurze Zeit später in meinem Liebeskummer zu ertränken. Ich frage Schluckadia nach dem Stand der Dinge und meine damit, wann wir wohl den Griesgramglobus erreichen könnten. „Jetzt bleibt doch mal in der Ruhe Jungs.“, lässt sie kurz verlauten und schon müssen uns Christian und ich auch der Versuchsreihe des Vierflaschentrinkens hingeben. „Das ist jetzt für richtige Männer“, grinst Schluckadia und schüttet jedem von uns gleichzeitig Wodka, Gin, Tequilla und Stroh-Rum, unser österreichisches Mitbringsel, in den Mund. Kurz bevor wir das Rückwärtstrinken beginnen, erbarmt sie sich und gibt Antwort: „Ich versuche es mal mit einer sehr, sehr einfachen Darstellung der Reisemöglichkeiten innerhalb des Universums, ihr habt schließlich eine Chance verdient.“ So wie sie das sagt, trinken Christian und ich noch einen, um zu vergessen, dass wir von der Erde kommen. „Im Prinzip ist alles ganz einfach. Ihr wisst ja bereits, dass Wurmlöcher die Abkürzungen durch das Universum sind. Soweit alles klar?“ Wir nicken.
„Und wie ihr wisst, Wurmloch ist Wurmloch. Also benötigt jede Reise innerhalb eines Wurmloches von einem Ende zum anderen des Universums immer gleich lange. Eine immerwährende, abkürzende Umgehungsstraße, wenn ihr versteht was ich meine?“ Karin und Stefan, die genauso wie die anderen Nichtwissenden mittlererweile den Ausführungen von Schlendria lauschen bestellen eine Runde Edelstoff in der Annahme es könnte uns das Verstehen erleichtern. Nachdem auch Schlendria dieses edle Gesöff genossen hat, lässt sie uns weiter wie Neandertaler beim Start einer Mondrakete aussehen: „Ein Wurmloch gleicht einem Kreisverkehr von der Mitte aus gesehen. Jedes Ziel ist in der gleichen Zeit erreichbar, egal wie weit es auf konventionellen Weg entfernt wäre. Wir haben ausgemacht, dass wenn man sich in den Eingang eines Loches begibt, es keine Rolle spielt, wo der nächste Ausgang ist. Immer die gleiche Zeitspanne. Das Problem liegt nur daran, immer das Passende zu finden. Doch wir haben festgestellt, dass Wurmlöcher gar nicht soweit voneinander entfernt liegen. Das bedeutet, mit unserer Flotte reisen wir, von Wurmloch zu Wurmloch fast so schnell wie innerhalb, wobei man natürlich nicht außer acht lassen darf, dass innerhalb ein unvorstellbares Vielfach der Strecke zurückgelegt wird.“ Beat der gerade seine Pfeife am erglimmen sieht, kann es uns in Zahlen erklären: „Also wenn ich richtig verstanden habe, dauerte unsere Reise zu Vierglashalter ungefähr 42 Tage oder Schlafperioden. Wenn also der Eingang zu einem Wurmloch im ungünstigsten Falle so weit entfernt ist, dass es noch mal die gleiche Zeit in Anspruch nimmt, so kann man in ungefähr drei Monaten Erdenzeit von einem Ende des Universums zum anderen gelangen.“ „Stimmt das wie es Beat erzählt?“, will Vera wissen. „Zwar sehr einfach ausgedrückt, aber er hat recht.“, Schlendria bestärkt Beat in seinen Ausführungen. „Ich will die größte Wasserpfeife die es gibt.“, kommt es von Vera. Heidi verschwindet kurz und übergibt ihr ein Ding das nur mit einem Karren gezogen werden kann. Wie sie meint sei dies ein Produkt ihrer weiteren Forschung mit dem Chefchemiker, dem Botaniker und dem Boss der Logistik.
„Und was ist hinter dem Ende des Universums?“, Sophie, ich hätte es wissen müssen. Schlendria muß nicht lange überlegen, um eine Antwort zu haben: „Das Ende des Universums? Ihr denkt immer noch in Anfang und Ende? Die einzigen Einschränkungen die es gibt sind in euren Hirnen, in euren Gedanken. Ihr habt eine Einstellung wo immer ein Anfang und ein Ende bestehen muß. Wir wissen genau, dass wir von A nach B innerhalb kurzer Zeit reisen können. Wir wissen aber auch, dass das Universum vom Anfang bis zum Ende bereist auch nicht mehr hergibt als in der Mitte oder 20 Kilometer davon entfernt. Glück ist der Maßstab. Das Ende des Universums ist dann erreicht, wenn es kein Glück mehr zu finden gibt. Alles was sich jenseits dieser Grenzen aufhalten sollte ist nicht mehr erstrebenswert. Vergleicht es doch einfach mit einer Baustelle. Ihr wohnt in einem Neubaugebiet gerade an der letzten Häuserzeile, dahinter sind nur Sümpfe, die unbebaubar sind. Gäbe es einen Grund dorthin zu gehen? Nein, ödes Brachland. Nichts, aber auch überhaupt nichts. Das ist das Universum jenseits der Grenzen. Nutzt das hiesige Weltall, dahinter gibt es nur Öde. „Und was ist hinter der Öde?“, sogar Jessie will das wissen.
„Hinter der Öde? Das Ende des Universums ist ein Gedankenspiel. Gebt der Öde und dem Dahinter keine Chance, dann wird es auch nie zur Geltung kommen. Es klingt vielleicht für euch unglaublich; zwar haben wir gewissen räumlichen und zeitlichen Spielraum, doch der Rest spielt sich in uns ab. Auf den Punkt gebracht, die Arbeiter hatten damit noch nie ein Problem, weil sie nie darüber nachdachten. Sie werden es in Zukunft auch nicht haben, da sie glücklich leben werden, doch Ihr Erdlinge werdet noch ein paar Generationen daran zu knappern haben.“
„Unglaublich wie das schnell das Teil Gestalt annimmt, wenn das so weitergeht werden wir wohl in ein paar Tagen die Abschiedsfete in Angriff nehmen müssen“, Mike, der gerade von einer Stippvisite im Orbit zurückehrt
lässt sich am Strand des Megaelixier, wo wir unser Lager seit der Heldenfete aufgeschlagen haben, in den Sand fallen und bestellt sich ein kühles Blondes. Sophie ist seit ein paar Tagen mit Karin und Vera unterwegs den Planeten zu erkunden und nannte Mike, Stefan und mich Kulturbanausen als sie uns verließen. Mit einem „Hast ja recht“ und betretenem Gesicht verabschiedeten wir die Drei um sofort nach ihrem Abflug die Gläser erklingen zu lassen und mit ein paar Arbeitern den Aufbau eines Stripschuppens zu besprechen, da sie festgestellt haben, dass sich einige ihrer Damen seit ihrer Verwandlung recht gerne entblößen und wir ihnen nun dabei helfen, diese zweifelsohne tolle Eigenschaft zur Freude Aller auszubauen. „Heute ist Eröffnung.“, teile ich Mike mit.
„Ewig schade, dass die Mädels immer noch auf Kulturhopping sind, so können sie gar nicht sehen was wir so alles aufgebaut haben. Sie wären sicher stolz auf uns.“, Mike ist schon ganz hippelig.
„Da bin ich mir sicher, vor allem Vera.“, ich weiß genau, wie es Mike momentan genießt, dass Vera unterwegs ist. In mancher Beziehung könnte man sie fast als irgendwie spießig beschreiben. Für den neuen Laden ließen wir von den Robotern eine neue Kneipe direkt neben dem Megaelixier einfliegen und nachdem die Stangen für die Tänzerinnen eingebaut und die Inneneinrichtung nach unseren Vorstellungen fertiggestellt war, genossen wir zusammen mit den Arbeitern eine Choreographie für die Mädels zusammenzubasteln, die auch gleich an Ort und Stelle umgesetzt wurde.
Unter strengster Geheimhaltung wurde das Objekt Stripschuppen fertiggestellt. Nur wenige Eingeweihte, die mit den Vorbereitungen beschäftigt waren, wussten was sich hinter den Mauern des neuen Gebäudes abspielt. Jeden Tag war immer eine riesige Menschenmenge vor dem Lokal und diskutierte darüber, was da drinnen wohl ausgebrütet wird und obwohl die Meisten vom Planungsstab nicht auftreten werden, haben wir schon gewaltig Lampenfieber, als wir auf die lange Schlange vor dem Lokal sehen, die schon begierig auf Einlaß wartet. In Anbetracht der Tatsache, dass wirklich erstklassige Frauen auf der Bühne ihr Können zum Besten geben, hat sich Christian kurzerhand bereiterklärt als männlicher Stripper die Show zu unterstützen. Wegen der Gleichberechtigung, wie er wiederholt erwähnte. Da wir annahmen, dass die ganze Stadt zur Eröffnung erscheinen wird, wählten wir ein Lokal der mittleren Größenordnung, das ungefähr Platz für 25000 Leute bietet.
Auf ungefähr 50 Bühnen wird an Stangen getanzt und selbstverständlich steht es dem Publikum frei sich an den Shows zu beteiligen. Wir Erdlinge waren wirklich erstaunt darüber wie viele Damen sich gerne bereit erklärt haben, bei diesem hochkulturellen Ereignis mitzuwirken.
„Jetzt bin ich doch ein wenig nervös.“, lässt mich Christian wissen, der gleich auf der großen Bühne inmitten der Arena seinen Auftritt hat. „Ach komm stell dich nicht so an. Trink noch ein Fläschchen Prosecco und du wirst die Geschmeidigkeit deines Beckens in dich einfließen spüren.“ Christian hat zwar schon zwei Flaschen intus, doch ist er immer noch nicht ganz überzeugt, ob seine Entscheidung richtig war. „Du wirst der Held des Abends, wirst schon sehen. Außerdem sind ja nicht nur die rattenscharfen Tänzerinnen da draußen, vielmehr wirst du von den Zuschauerinnen als neues Sex-Symbol auserkoren werden und dich vor Angeboten nicht mehr retten können. Stell dir nur mal vor, du bist der Hauptgewinn und hast dann die freie Auswahl unter Tausenden. Mit Sicherheit wirst du nach deinem Auftritt die Bekanntschaft mit einigen Dutzend weiterer Nadines machen. Dir wird es noch verdammt schwer fallen, wen und vor allem wie viele du mit auf die Reise zum Griesgramglobus nehmen willst.“ Christian leert die Flasche in einem Zug, lässt einen gewaltigen Rülpser und ohne dass ich ihm noch weiteren Zuspruch geben kann, stürmt er auf die Bühne und beginnt unter tosendem Beifall seine Show. „Schade, dass da draußen nicht nur alte, schrumplige Weiber mit Oberlippenbärtchen und Warzen auf der Nase sind. Ich hätte es ihm wirklich gegönnt, wenn er sich in den nächsten Pendler hätte flüchten müssen um sich die restlichen Tage bis zu unserer Abreise mit Angstzuständen auf dem Schiff zu verstecken.“, Mike ist fast ein bisschen boshaft. „Oder noch besser, vielleicht gibt es hier ja auch ein paar Schwule, die ganz scharf auf ihn werden.“, ich bin es auch. Christians Show wird ein voller Erfolg. Es fliegen Büstenhalter und Höschen. Als die Arbeitermänner mitkriegen, dass mit einem Auftritt, es ein leichtes ist an Frauen zu kommen, tun sie es ihm gleich und beginnen sich auszuziehen. Da die Bühnen nur beschränkt Platz bieten, tanzen sie kreuz und quer durch den ganzen Laden und als die Frauen mitbekommen, dass man mit Strippen locker einen Mann überzeugen kann, verwandelt sich das ganze Lokal innerhalb von Minuten in ein fröhlich tanzendes, freizügiges Nudistencamp.
„Oje, oje was haben wir da bloß angerichtet?“, Stefan hat so seine Bedenken
„Wenn jetzt Vera kommt, werde ich garantiert die nächsten Wochen auf Sparflamme gesetzt.“, Mike sieht eine lange Durststrecke auf sich zukommen. „Ich denke nicht, dass die Frauen vor übermorgen hier auftauchen werden. So wie ich Sophie kenne, wird sie sicher keine Sehenswürdigkeit auslassen und jeden den sie trifft über die Geschichte des Planeten ausfragen. Ich schätze, sie werden erst kurz vor unserem Abflug hier eintrudeln und außerdem müssen wir es ihnen ja nicht auf die Nase binden.“, versuche ich Mike zu beruhigen. Schon wieder ein wenig ermutigt sieht er mich an und erblickt ein Licht am Ende des Tunnels der wochenlangen Trockenperiode. Als Christian ungefähr fünf Stunden später auf dem Zahnfleisch kriechend bei uns an der Bar auftaucht erfahren wir eine völlig Neue Sichtweise über die Geschehnisse des Abends: „Ich weiß gar nicht was ihr habt.“, wendet er sich an Mike und Stefan: „Gut ich gebe zu, es ist schon von Vorteil, dass sie die kleinen Kinder zuhause ließen und ein wenig älteren mit der Aufsicht beauftragten. Aber schaut, wir und vor allem sie haben die quasi 18 schon überschritten und jeder kann auf sich selber aufpassen, mündige Bürger wenn ihr so wollt. Also ich für meinen Teil bin mit dem Abend durchaus zufrieden und habe wirklich keine Ahnung ob ich Nadine, Tamara, Sabine, Michaela, Brigitte oder gleich alle mitnehmen soll. Ich habe mir schon überlegt einfach alle mitzunehmen, aber wahrscheinlich könnte es die Sache ein wenig komplizieren. Außerdem bin ich auch keine19 mehr. Ich muss ein bisschen an meine Gesundheit denken.“ Er kann sich ein lachen nicht verkneifen und ich bin mir sicher, wenn es nach ihm ginge würde er für jeden Tag des Monats eine mitnehmen. Doch weiß ich auch, dass dann das Feiern für ihn zu kurz käme und um alle zufriedenzustellen, müsste man doch den Konsum von geistigen Getränken ein wenig zurückschrauben. „Aber jetzt zum Wesentlichen“, fährt er fort. „Jetzt versetzt euch doch mal in die Situation der armen Leute. Damit die Arbeit nicht darunter leidet, wurden einfach Zweckgemeinschaften gegründet und um es noch schneller vonstatten gehen zu lassen, wurde ein System eingeführt, das ungefähr so ausgesehen hat. Männer im zeugungsfähigen Alter so zwischen 13 und 20 wurden exakt fünf Häuser weitergeschickt. War dort ein Frau die auch schon die Pubertät durchschritten hat, wurden sie vermählt. Wenn keine da war zog der junge Mann ein Haus weiter, wo er ein Jahr zu warten hatte, um dann wieder 5 Häuser weiterzuziehen usw. usw. bis er eine Frau hatte, wo sie dann wohnen blieben. Es war ein einfaches Rotationsprinzip. Wenn man Glück hatte, war man mit 14 oder 15 dran. Wer Pech hatte musste eben länger warten. Durch diese Abwicklung der Fortpflanzung, die nur einmal im Jahr stattfand und wo man nur einen halben Tag arbeiten musste, war gewährleistet, das die Arbeiter nicht aussterben. Da eine Wohnung praktisch nur aus einem Zimmer besteht, war es auch nie ein Problem in dem Haus, wo man sich auf die Suche nach der Partnerin machte, ein freies Zimmer zu bekommen, falls keine Frau im vorgeschriebenen Alter verfügbar gewesen wäre. So und nun stellt euch vor ihr hättet nie mit 14 den ersten Kuss bekommen, mit 15 zum erstenmal eine Brust berührt und kurze Zeit später vielleicht mit einem süßen Mädchen geschlafen. Auch wenn wir uns alle damals ziemlich tollpatschig angestellt haben. Aber es war ja nicht nur diese Eine, es folgten ja noch einige mehr. Wieviel denkst Du waren es?“, wendet er sich an Mike. „50 – 60 vielleicht.“, sagt er nach kurzem überlegen „Und bei dir“, wendet er sich an Stefan „Auch so was ungefähr“.
Christian macht weiter: „Eben genau das ist es, ihr habt geflirtet, geknutscht, habt euch verliebt, ja ich gebe zu, es gab auch viele, bei denen es mit Liebe absolut nichts zu tun hatte und man froh war, dass sie noch vor Morgengrauen wieder das Haus verließen. Doch ihr habt was erlebt. Ihr habt gelebt und jeden Tag genossen. Die Arbeiter hatten diese Möglichkeit nie. Und ich spreche hier genauso von Frauen wie auch Männern. Sie machen das was wir alles schon hatten und im Gegensatz zu den Junkies in Lloret sind sie wirklich mit dem Herzen dabei. Was wir hier sehen ist nichts anderes als die komprimierten Jahre von 15 – 35, oder je nachdem noch länger. Sie holen einfach nur nach, was wir schon lange hatten...Und ja ich gebe zu, es war gar nicht so schlimm, da ein wenig Entwicklungshilfe zu leisten.
Man sieht Mike an, wie sich gerade seine grauen Zellen in Bewegung setzen: „Absolut plausibel. So gesehen, haben wir ja wirklich Entwicklungshilfe geleistet. Ich denke so könnte ich es auch Vera beibringen, ohne dass ich mir Sorgen machen muss.“
„Hoffentlich machen die in diesem Tempo weiter, wenn ich mir recht bedenke, dass wir es waren, die den ersten Orgienplaneten im All begründet haben, könnte ich doch glatt...glatt...“, Stefan überlegt ein bisschen „..Glatt ein Weizen auf uns trinken, wir gehen sicher in die Geschichtsbücher ein.“ Seine Bedenken sind komplett verflogen und sich auf die Schulter klopfend trinkt er auch schnell noch ein Zweites.