Kapitel 10: universum "all inklusive"

„Universum „All Inklusive“, vielen Dank für die Einladung Jungs“, Stefan bekommt von Karin wieder mal eine vors Schienbein. „und natürlich Mädels“ fügt er, Karin wunschgemäß, eilig hinzu. Wir befinden uns mittlerweile in der Lounge eines riesigen Raumschiffs auf dem Weg zum Planeten Vierglashalter wie unsere Gastgeber ihren Wohnsitz der Einfachheit halber namensgleich mit der Bevölkerung benannt haben. Wir drehen gerade die 20. oder 30. Besichtigungstour um die Erde bevor es richtig losgehen soll und haben es uns vor dem Panoramafenster bequem gemacht. Die Gläser sind dank der Serviceroboter immer angenehm gefüllt und Reste vom großen Büffet stehen neu aufbereitet als kleine Häppchen zur Verfügung. Erstaunlich wenn man bedenkt, dass sich da unten noch vor wenigen Wochen Millionen von  Menschen die Köpfe eingeschlagen haben, jetzt nur noch ein paar Drogensüchtige sich ihren Träumen hingeben und eine kleine Gruppe von sieben Personen ihr Glück in Griechenland sucht. Außer auf den anderen Kontinenten hängen noch ein paar Wodka-Brause Süffler rum. Ich versuche, ob mir bei dieser Frage Schrumpfhirn weiterhelfen kann.

„Wir haben bereits mit unseren Gurgelfroschsensoren die gesamte Erde abgescannt. Wie Du schon vermutet hast, bewegt sich ein kleine Gruppe gerade entlang der oberen Adria, somit müssten sie immer noch auf dem Weg nach Griechenland sein. In Lloret hängen auch noch einige rum, sind aber nicht mehr so viele wie du angenommen hast. Wir haben uns die Gegend wirklich zweimal angeschaut, doch da ist nichts mehr. Nordamerika: Nichts, Südamerika: Nichts, Afrika: Nichts, Australien: Nichts, Asien: Nichts. Es tut mir leid mein Freund, im Augenblick befinden sich noch 18 lebende Menschen auf dem Planeten. Sieben an der Adria und elf in Lloret. Wir haben dort noch ein paar schwache Signale von Menschen empfangen, das heißt aber nur, dass welche dort sind. Um genau zu sein sind sie innerhalb der letzten 10 Tage verstorben und wie du mir die Situation dort schildertest, werden auch die letzten elf bald mal das Handtuch werfen.“

18 von vielleicht sogar 7 Milliarden und wir. Wenigstens hat keiner gelitten. Ich nehme einen großen Schluck.

„Stopp, stopp“, brüllt Stefan.

„Was ist denn los? Nichts mehr zu trinken da?“, Trinkernase macht sich wirklich um Stefan sorgen.

„Wir sollten noch eine kleine „Tour de Delikatesse“ auf dem Globus unternehmen. Wir müssen noch mal zurück, um weltweit die Trink- und Speisenspezialitäten eines jeden Landes einzusacken, so als Marschverpflegung. Müsste doch für euch ein leichtes sein, überall zu landen. Ihr werdet es auch sicher nicht bereuen.“, rät Stefan.

„Gute Idee, auf die paar Stunden kommt es nun auch nicht an.“, Trinkernase scheint auch schon wieder Hunger zu haben.

Wir düsen kurz noch mal runter. Ein paar Stunden später sind wir dank der fliegenden Bierdosen, kleineren Raumtransportern, fleißiger Roboter und durstiger Vierglashalterseelen mit den Leckereien der Erde eingedeckt. Es mangelt an nichts. Da wären z.B. die edlen Weine aus Italien, Frankreich und Spanien, Sushi aus Japan, Bier aus Bayern und Australien (kalt gar nicht mal so übel), Reiswein aus China, echter russischer Wodka, Kaviar, den wir wegen der Frische bis zum Verzehr noch in den frischgefangen Stören lassen, Kanadischer Hummer, der lebt auch noch, edler Grappa und Port, einige Angusrinder aus Argentinien, fast wie auf der Arche Noah, und noch diverse Süßigkeiten aus Belgien. Gerade als wir um den Mond biegen hören wir es wieder:

„Stopp, Stopp“, Stefan hat anscheinend immer noch nicht alles.

„Was fehlt denn noch?“, wie bei einem kleinen Jungen tätschelt Trinkernase Stefan die Wange.

„Fehlen tut nichts mehr. Doch was ist mit unsern Vorräten auf der Erde, unseren Trucks in Marbella, unseren Häusern zuhause, der Yacht mit einem Rest Weizenbestand in Mallorca und vor allem, was passiert, wenn es schlecht wird?“

Trinkernase sorgt dafür, dass Stefan sich völlig entspannt seinem Weizen und den Häppchen widmen kann:

„Wir sind zwar ziemlich schnell nach der Party abgeflogen, doch du darfst unsere fleißigen Heinzelmännchen nicht vergessen. Immer wenn wir eine kleine Exkursion durchs All starten, nehmen wir für jeden von uns mindestens 100 Roboter mit, sicher ist sicher. Wir sind mit exakt 352 Leuten gestartet. Zirka 150, um genau zu sein 162 haben es versäumt den ausgegebenen Wodka zu trinken, bleiben als 190 übrig. Also haben wir gut und gerne 15000 Roboter übrig. Den Rest haben wir schon für euch auf unserem Weg nach Vierglashalter verplant.

Dank unseres Oberkoordinators dieses Schiffes, Robot IV, sind diese bereits auf der Erde damit beschäftigt, die für euch nötige Infrastruktur aufrechtzuerhalten bzw. sie zu verbessern. Eure Häuser zuhause werden renoviert und erweitert, trefft euch doch baldmöglichst mal mit unseren an Bord verbliebenen Architekten, damit sie eure Wünsche schnellstmöglich auf die Erde senden können. Bisher haben wir dank unserer Fernsteuerung die gesamte Energieversorgung, soweit die Rohstoffe vorhanden waren weiterlaufen lassen. Den Strom haben wir quer über den Globus umgeleitet, waren die Kohlevorräte in einem herkömmlichen Kraftwerk zuende, haben wir kurzerhand das nächste Atom- oder Wasserkraftwerk angezapft. War auch kein Problem, denn wie ihr wisst, war kein großer Energieverbrauch mehr vonnöten. Um Rohstoffe zu sparen wird für die Zukunft anders geplant. Doch ich weiche ab. Die Yacht bringen wir wieder zurück nach Marbella.  Eure Vorratstrucks stellen wir Euch vor die Villa und um Stefans Ängsten vorzubeugen. Wir errichten Euch zwei eigene Brauereien, eine in Marbella, eine bei euch zuhause.“

„Und was ist mit Wein?“, ich wusste doch, dass Christian ein Gourmet ist.

„Keine Bange“, fährt Trinkernase fort. „Die komplette Nahrungsmittelkette wird von uns fortgeführt. Wir haben u.a. Landwirte, Brauer, Bäcker, Winzer, Metzger, Atomphysiker, Bergbautechniker, Automechaniker, Müllmänner, Wirte, Köche und Kommunikationsspezialisten dagelassen. Es wird  Euch an nichts mangeln. Ihr habt Energie in Hülle und Fülle, sogar für etwaige Berghüttenabende, haben wir schon jemand zum Holzhacken abgestellt. Wir schaffen euch, vorerst mit unseren bescheidenen Mitteln, also mit dem was wir dabei hatten in Marbella und zuhause zwei komplette Mikrokosmen. Für den Fall dass ihr schnell mal irgendwo auf die andere Seite der Welt müsst, stehen Euch genügend Transportmittel und Roboter zur Verfügung, die euch die Reise so angenehm wie möglich machen. Aber schaut doch erst mal was das Universum, vor allem Vierglashalter, sonst noch zu bieten hat. Vielleicht bleibt Ihr ja bei uns.“

„Und was passiert mit den sieben auf dem Weg nach Griechenland?“, möchte ich wissen.

„Keine Sorge, wir haben eine Hundertschaft Roboter in einem kleinen Erdensegler, die sie die ganze Zeit, vorerst unerkannt, umkreisen. Es wird Ihnen an nichts fehlen.“ Dankbar ziehe ich mir noch zwei Weizen aus der Kühltheke der Bar und schenke Trinkernase und mir ein.

 

Kurze Zeit später als wir gerade den Pluto hinter uns lassen beschließen Sophie und ich einen kleinen abendlichen Raumschiffbummel zu unternehmen. Mit einem Schiffsplan bewaffnet machen wir uns auf den Weg. Das Schiff besteht aus vielen tausend einzelnen Segmenten, die sich jeweils einzeln durch ständige, jeweils der Lage des Schiffes angepasster Rotation, der Stellung des Raumschiffes in der Schwerelosigkeit anpassen. Dies hat den Vorteil nie auf dem Kopf zu stehen und sich wie auf der Erde bewegen zu können. Das ganze entspricht einem dreiachsigem Globus in einem dreiachsigem Globus oder vereinfacht einem Tellurium mit jeweils drei Achsen für jeden Planeten, nur nicht zusammengesteckt.  Damit sich die Achsen niemals überschneiden, haben die Vierglashalter so etwas wie aggressive Luft entwickelt, die es ermöglicht völlig ohne Antrieb die einzelnen Segmente ohne Reibung und ohne dass sich irgendwelche Antriebe oder Antriebswellen in die Quere kommen zu bewegen.

Für den Reisenden bleiben diese Segmente völlig ohne Belang. Er bemerkt keinen der einzelnen Abschnitte. Es ist, als wenn man sich wie auf einem Kreuzfahrtschiff bewegt. Bei unserem Einstieg auf Mallorca fielen mir schon die Augen aus dem Kopf als ich es auf dem Rollfeld des Flughafens sah. Die Vierglashalter mussten schräg einparken, d. h. der Platz der beiden Rollbahnen inklusive der Brachflächen langte nicht aus um es in der waagrechten abzustellen. Somit ließen sie es ungefähr in einem Winkel 75 Grad schräg mit der schmäleren Seite nach unten stehen. Hierfür reichte der Platz gerade noch aus. Abgestützt wurde der ca. 4,5 Kilometer hohe Koloss von sogenannten Luftsäulen, irgendwelchen künstlichen Wirbeln, die entlang der Außenhaut das Schiff, bis auf den Eingang umschlossen.

„Wenn dies Schiff für ca. 500 Leute ausgelegt ist, dann möchte ich wirklich wissen, mit was die unterwegs sind, wenn sie auf Clubbing gehen“, ich bin immer noch ganz baff.

„Und vor allem, wo sie dann parken“, Sophie denkt wie immer praktisch.

Wie mir Trinkernase noch mit auf den Weg gab, müssen wir aufpassen, wenn das Schiff seine Form den Fluggegebenheiten anpasst. Für schnellen Flug wird der Luftwiederstand verringert und für normalen Gleitflug vergrößert. Ungefähr wie bei einem Militärjet der seine Flügel anklappt. Nur wird eben hier das ganze fliegende Monster auf die ideale Form gebracht. Um nicht zu dumm zu erscheinen, unterließ ich die Frage, nach der nichtvorhandenen Luft im All. Die werden das schon wissen. Die Veränderung der Ursprungsform wird durch ein hupendes Trinksignal mit roter Lichtunterstützung bekanntgegeben. Wie Trinkernase meinte, sei es dann das beste die nächste Bar, die nie mehr als 100 Meter entfernt ist, aufzusuchen und abzuwarten bis der aktuelle Schiffsplan aus dem Drucker kommt oder die Wegweiser wieder neu justiert sind, sonst könne man sich hoffnungslos verfransen. Schon in der Hoffung  mit einem perfekten Alibi mit Sophie in einer Bar zu versacken, fragte ich danach wie lange so etwas wohl dauern könne.

„Ungefähr 30 Sekunden...“, war seine Antwort. „... doch es ist doch etwas Schönes, wenn man wieder einen Anlass zu trinken hat.“ Ich schaute ihn fragend an. „Verlange nur nicht von mir, ich solle dir sagen, wie du das deiner Frau erklären sollst.“, er grinste über beide Mickey Maus Ohren, schnappte sich ein Bier aus der Bar und ließ mich grübelnd stehen. Sophie, die sich während dieses Gespräches bei Nachwuchstrinkerin über die sozialen Gegebenheiten, sie kann nicht aus ihrer Haut, was ich sehr bewundere, auf Vierglashalter intensiv erkundigte, beschloss ich, werde ich das mit den 30 Sekunden nur im Notfall erzählen.

Sophie hat bestimmt, dass wir systematisch das Schiff erkunden sollten. Die Sternenlounge, in welcher wir anfangs saßen befindet sich ganz oben – meint sie -. Also fangen wir unten an und bummeln uns nach oben durch. Nachdem ich nun weiß, dass es sich sowieso immer ändert bin ich vollkommen ihrer Meinung und freue mich schon auf die erste Kursänderung.  Zur schnellen Überwindung der Strecken gibt es Aufzüge, die auch in der waagrechten wie in einem normalen Haus von oben nach unten gehend scheinen. Segmenttechnik. Wir fahren ganz nach unten. Dem Plan zufolge befinden sich hier die Antriebsaggregate. Als wir uns diese mal vor Augen führen wollen, verwehrt uns ein Blechheini den Weg.

„Nur für befugtes Personal.“, wie auf der Erde, denke ich mir, stelle noch ein oder zwei Fragen bezüglich des Weges, die er auch freundlich beantwortet und wir fahren wieder eine Etage höher. Versorgungslager. Auch nur für Befugte. Nächste Etage. Roboterhalle. Nur für Befugte. So geht das für Raumtransporter, Instandsetzung, Kommunikation und Waffenkammer. Erst ab dem Getränkelager haben alle Zutritt und als wir schließlich im Shoppingbereich landen, habe ich etwas zu trinken nötiger denn je. Sophie ist ganz fasziniert von den vielen, uns unbekannten Stoffen, Schnitten und Farben. Auch das hier alles umsonst ist, da ja nur Maschinen für den Nachschub sorgen, lässt sie nicht gänzlich unbeeindruckt. Während ich mit unzähligen Einkaufstüten mir schon fast einen Bruch hebe, erblicke ich Christian wie er gerade Jessie ein paar Schuhe vor die Füße schmeißt und sich in die nächste Bar zurückzieht.

„Wartest du auch auf eine Formänderung?“, frage ich als ich mich neben ihn an den Tresen setze.

„Formänderung?“, er sieht mich verdutzt an.

Ich erkläre ihm die Gegebenheiten des Schiffes, da er in der Sternenlounge, während Jessie ein wenig geschlafen hat, nur Augen für eine gewisse Schlendria hatte.

„Hast Du wirklich an jenem Abend im Riu mit ihr geknutscht?“, will ich wissen.

„Wollte ja zuerst überhaupt nicht, aber Du weißt, das Bier, der Wein, der Schnaps, Partystimmung usw., irgendwann hatte sie ihre Zunge in meinem Mund; es war der heißeste Kuss den ich jemals gekriegt habe.“

„Und woher weißt Du dass sie es war, Namenschilder hatten wir da noch nicht? Und vor allem woher weiß sie es, wir sind doch alle in ihren Augen gleich?“

„Hat anscheinend irgendetwas mit dem Geruch der zu sich genommenen Getränke zu tun, die sie am Haaransatz erkennen können. Sie ging davon aus, dass ich, wie die meisten, immer die  gleiche Kombination von Getränken zu mir nehme, was in diesem Fall auch stimmte.  Als wir an Bord stiegen war doch eine Begrüßungskomitee am Eingang, sie war auch darunter. Für die anderen Vierglashalter war es ein ganz normaler Begrüßungskuss rechts und links auf die Backe, doch sie hat auf mich gewartet. Wir sind ja nur zehn und einer musste es einfach sein. So hat sie mich gefunden und mich über die Fast-Intimitäten aufgeklärt.“

„Und jetzt?“, frage ich nach.

„Keine Ahnung“, resigniert hebt Christian sein Glas.

Sophie, Jessie, Christian und ich sind im Augenblick die einzigen, die sich in diesem Distrikt befinden. Außer den Robotern natürlich, die sich in den Geschäften und an der Bar um unser wohlergehen bemühen. Eine Einkaufsmall für vier und das ist bei weitem nicht die einzige an Bord. Irgendwie alles wunderschön, aber in meinen Augen doch ein wenig überdimensioniert. Christian und ich finden es irgendwie schade, dass sich momentan alles so verläuft.

Ganz einer Gewohnheit verfallend frage ich den Barmann:

„Wo ist denn hier um diese Zeit noch etwas geboten?“

„Tut mir leid, dass ich Euch momentan nicht ein bisschen mehr Trubel bieten kann, doch im Augenblick ist das „Elixier“ auf Etage B3A angesagt.“, gibt er zurück.

Ich werde verrückt, auf diesen dreidimensionalen ungefähr 4,5 km auf 2,5 km auf 2 km gibt es bei nur 200 Leuten, wenn alle brav getrunken hätten 356 oder so, ein Szene, einen Platz wo der Bär tanzt und die Puppen fliegen. Ich ziehe meinen Schiffsplan aus der Hosentasche.

„In zwei Minuten sind wir da.“, sage ich zu Christian.

„Ok, worauf warten wir.“, gibt er zurück

Ich vermisse irgendwie Sophie.

„Auf die Mädels?“,  ich zucke mit den Schultern.

„Ok“.., meint Christian, „..irgendwie habe ich doch ein schlechtes Gewissen, ich gehe sie suchen, Du wartest solange hier.“

Sicherheitshalber bestelle ich mir einen Eco und nachdem ich den Barkeeper aufgeklärt habe aus welchen Bestandteilen sich dieser zusammensetzt, bekomme ich das Beste was hinsichtlich dieser Mixtur jemals getrunken habe.

„Wird alles auf Vierglashalter hergestellt.“, erklärt er stolz. Wie ich später erfahren sollte, hat diese Reaktion weder mit Emotionen noch mit Gefühlen zu tun; diese Blechis sind einfach darauf programmiert einen guten Job zu liefern. Ich rauche eine Zigarre, auch von Vierglashalter, nicht schlecht kommt aber bei weitem nicht an die aus Kuba ran, die wir uns beim letzten irdischen Einkaufstrip ergattert haben.

„Wie läuft denn hier das Bargeschäft?“, nachdem ich noch einen weiteren Eco und zwei Bier getrunken habe, rede ich mit ihm schon fast wie mit einem Menschen. Sichtlich froh dass mal einer fragt antwortet er:

„ Ich weiß nicht wie es bei euch auf der Erde immer abgelaufen ist, doch hier auf dem Schiff genauso auf Vierglashalter selbst, war es immer so, dass einmal dieser oder jener Winkel des Schiffes oder Planeten „In“ waren. Auf Vierglashalter spielen Entfernungen keine Rolle, wir haben schnelle Taxis, die innerhalb von Minuten den halben Planeten umrunden. Wir sind so programmiert, dass wir uns hinsichtlich Party und „In-Sein“ immer etwas einfallen lassen müssen. Ich weiß noch, vor ungefähr zwei Monaten war hier in C5H der Bär los. Wir mussten sogar auf die Ersatzroboter zurückgreifen so gesoffen haben die Vierglashalter. Aber im Augenblick.. ich weiß nicht...wir werden wohl bald mal wieder ein Brainstorming halten müssen.“

Ein wirklich guter Barmann, er weiß alles, kennt aber keinen.

Verlegenheitshalber frage ich ihn nach der Zeit die vergangen ist, seit Christian die Mädels suchen ging.

„Ungefähr 8 Minuten“, versichert er mir.

Zwei Eco und zwei Bier in dieser Zeit, ich muss mich bremsen sonst kriege ich vielleicht auch eine ans Schienbein.

„Wie heißt Du eigentlich?“, will ich wissen. Smalltalk kann nicht schaden. Obwohl, ich rede mit einem Roboter, der sich bis auf die umgebundene Schürze nicht von den Verkäufern im Zeitungsladen oder denen, ein wenig weiblicher wirkenden Blechkästen in den Parfümerien unterscheidet.

„Barkeeper“, lautet sein Antwort.

Ich hätte es wissen müssen, die Vierglashalter sind nicht auf den Kopf gefallen, bei Maschinen ist alles zweckgebunden. Verkäufer = Verkäufer, Arzt = Arzt, Atomphysiker = Atomphysiker.

Die Sekunden vergehen. Ich bestelle mir doch noch ein Weizen, das die Versorger nach unserem Einkauf in jeder Bar deponiert haben.

„Weißt Du..“, erklärt mir Barkeeper „..es ist schön mal ein paar andere Gäste hier zu haben, immer nur die gleichen wird auf Dauer doch langweilig.“ Perfekt aufs Geschäft programmiert.

Gerade erklärt er mir, dass Vierglashalter vor der Katastrophe 50 Millionen Einwohner hatte und wie er von einigen Gästen erfuhr, die Erde Vierglashalter ziemlich ähnlich sein muss, als Sophie, mein Engel, Christian und Jessie eintrudeln.

„Na Wochenendtrinker, wie geht es so?“, ich weiß, weil zur Zeit fast jeder Tag Wochenende ist, hat sie mich diesbezüglich  ein wenig auf dem Kicker

„Ach ungefähr wie einer Klosterfrau nach ihrem Beischlaf mit dem Ortspfarrer.“, sie war auch nicht unbedingt abstinent.

„Kommt schon wir fahren ins Elixier, dort werden wir mit Sicherheit auch alle anderen antreffen.“, lege ich noch nach.

Als Verpflegung für den Zwei-Minuten-Trip nehmen wir noch eine Palette Castlemaine XXXX mit in den Aufzug.

Uns wurde zwar mit unserem Einstieg in das Schiff ein Bereich, in welchem jeder seine eigene Suite hat zugeteilt, doch wurde uns des weiteren versichert, wir bräuchten nur einen freien Raum neben irgendeiner Bar aufzusuchen und schon hätten wir eine Schlafstatt. „Könnte ja sein, dass ihr den Weg nicht findet.“, meinte Trinkernase.

Zwei Minuten, keine Zeit. Es hatte ausgereicht um die Menschheit in Luft aufzulösen. Doch wir müssen passen, 4 Personen, 7 Dosen sind leer. Immerhin.

 

„Wow“, ist das einzige, was  wir hervorstammeln als wir das Elixier betreten. Im wahrsten Sinne des Wortes glauben wir im Wald zu stehen. Ein künstlich angelegter Dschungel mit Vogelgezwitscher und Insektenzirpen empfängt uns. Ein Roboter drückt uns Badehosen und Bikinis in die Hand und heißt uns diese in den Umkleidekabinen gleich neben dem Eingangsbereich anzulegen. Wir schlendern durch den schmalen, ca. 30 m langen Hohlpfad, als sich vor unseren Augen ein Lichtung öffnet. In der Dschungelbar wird schon fleißig gebechert. Wir lassen diese links liegen und nach weiteren 30 Metern erreichen wir eine wunderschöne Lagune. Türkisblaues Wasser umspült den puderfeinen, weißen Sand. Entlang des 300 Meter langen und 50 Meter breiten Strandes sind in regelmäßigen Abständen vier Strandbars aufgebaut. Dazwischen wird Beachvolleyball, Badmintion oder Boccia gespielt. Gleich hinter dem Sand befinden sich zwischen  Palmenhainen kleine Bambushütten, die perfekt mit allen sanitären Einrichtungen und vor allem Betten ausgestattet sind. Inmitten der kreisförmig angelegten Bungalows befindet sich die Zappelhalle. Wie Dumpfhirn meinte, sei sie hier am besten platziert, da man sich nach der Disco nicht den Umstand machen muss, jemanden mit nachhause abzuschleppen.

Die Lufttemperatur beträgt angenehme 32 Grad und das Wasser mit seinen 26 ist gerade recht für eine kleine Abkühlung. Als wirklich sehr entgegenkommend wird empfunden, dass es sich bei dem künstlichen Meer um Süßwasser handelt, das nicht in den Augen brennt. Für diejenigen, die es ein bisschen kälter mögen stehen am Strand kalte Duschen und Eisnebel zur Verfügung. Liegen, Handtücher und Massageroboter runden das ganz ab.

Da das Anstecken der Namensschilder auf nackter Haut doch irgendwie unangenehm sein könnte, haben wir uns mit den schon im Umkleidebereich bereitgelegten Eddings die Namen kurzerhand auf die Brust, bei den Damen ein wenig höher, geschrieben und begeben uns nun zur der am meisten gefüllten Strandbar, wo wir etliche Vierglashalter, die auch ihre Namen auf der Brust stehen haben und den Rest der Erdenbevölkerung treffen.

„Ich verliere hier jedes Zeit-, Tag und Nachtgefühl.“, höre ich gerade Heidi zu Schluckadia sagen.

„Ach das ist nicht weiter schlimm. Schlafe, wenn du müde bist, trinke, wenn du Durst hast, iss, wenn sich der Hunger meldet und liebe, wenn Dir danach ist. Irgendwo auf dem Schiff ist immer Tag, Sonnenaufgang, Abenddämmerung, Mittagszeit, Sonnenuntergang oder Partynacht. Wenn ihr Lust auf Apres Ski habt begebt euch auf C5K, dort kann man sogar eine wenig einen kleinen Hang runterwedeln. Wollt ihr so was wie euer Oktoberfest seid ihr auf F6B gut aufgehoben. du siehst wir haben wirklich an alles gedacht. Allerdings kann ich dir nicht versprechen, wo sich die Leute aufhalten, das ändert sich ständig je nach Lust und Laune. Hat allerdings auch den Vorteil, dass es genug lauschige Plätzchen gibt falls du mal einen Abend mit einer bestimmten Person allein verbringen möchtest. Kleiner Insidertipp, das „Grappa“ auf Z2E kommt einem italienischem Restaurant auf der Erde sehr nahe und verfügt über eine exzellente Küche und einen großen Weinkeller.“

„Wow“, entfährt es Sophie noch mal. Sie bestellt schnell zwei Willi mit Frucht an der Bar und drückt mir einen in die Hand. „Ich brauche was Starkes.“, entgegnet sie, als ich sie voller Verwunderung von der Seite ansehe.

„Außerdem war es schon immer mein Traum zwei totale Gegensätze zu vereinen, oder hast du jemals in der Karibik eine Willi oder bei einem Skiurlaub Pina Colada aus der frischgepflügten Kokosnuß getrunken?“

„Wo sie recht hat, hat sie recht.“ schallt es mir von Vera entgegen, die daraufhin gleich eine runde Marillenschnaps für alle bestellt.

„Eine kleine Abkühlung wär nicht schlecht, was meinst du?“, frage ich Sophie.

„Ach nee, sag bloß die paar kleinen Schnäpschen steigen dir schon in den Kopf“ gut dass sie nicht weiß, was ich schon alles in der vorherigen Bar getrunken habe. Ich schnappe mir zwei Liegen und einen kleinen Beistelltisch und vergrabe sie so im Sand, dass unsere Beine sanft vom Meer umspült werden und die Drinks, jetzt aber Tequilla Sunrise, griffbereit neben uns auf Leerung warten. Sie kann diese Einladung nicht abschlagen und nachdem wir ein bisschen im Wasser rumgeplanscht haben, liegen wir, auch schon wieder ein wenig durstig unter der künstlichen, aber gefährlicher Strahlen befreiter, Vierglashalterraumschiffsonne in einer Kneipe, die sich Elixier nennt.

Ich bin wohl ein bisschen eingenickt. Als ich die Augen öffne, sehe ich Sophie aus dem Wasser kommen. Hinter ihr versinkt gerade die Sonne glutrot im Meer. Wieder habe ich dieses Glücksgefühl. So ähnlich muss es gewesen sein als Aphrodite dem Meer entstieg. Doch zum Glück ist sie keine Göttin im herkömmlichen Sinne. Nicht unnahbar, nicht abgehoben, nicht arrogant über allem schwebend, einfach nur menschlich mit Stärken und Schwächen. Ich liebe beides an ihr.  Sie hat ein glückliches Kinderlachen auf den Lippen. Gerade singt sie ein wenig, sie schüttelt sich die Haare aus dem Gesicht, fasst noch mal ins Wasser um mir entgegenzuspritzen und legt sich nach den letzten Schritten ihres Weges genüsslich flach auf mich.

Ich genieße die kleine Abkühlung und ihre nasse Haut auf meinem Körper und strubble in ihren Haaren.

„Na Plumpaquatsch, alles im grünen Bereich?“, möchte ich wissen

„Weißt du, mit dir könnte ich hier glatt alt werden.“

„Nur hier oder woanders auch?“

Sie streicht mir durchs Haar, sieht mir in die Augen und gibt mir einen wunderschönen, innigen Kuss. Gut das ich liege, sonst wäre ich auf meinen weichen Knien umgesackt.

„Was hast du gesagt, Dummerchen?“, frägt sie mich.

„Ach nichts.“, gebe ich zurück.

„Überall, egal ob hier, auf der Erde, auf Vierglashalter, sonstwo oder im Nebel aufgelöst, überall.“, flüstert  sie mir ins Ohr. Ich könnte heulen, so glücklich bin ich. Die Sonne ist der Dämmerung gewichen. Kleine Fackeln werden überall in den Sand gesteckt. die Dämmerung weicht der Dunkelheit und als das tägliche Feuerwerk über dem Meer gezündet wird, liegen wir immer noch engumschlungen im Sand und schmieden Pläne.

 

„Ich wusste schon, dass ich es vergessen werde, deswegen habe ich es erst gar nicht mitgebracht.“, Stefan sollte mir nur ein eiskaltes Casltemaine XXXX  mitbringen. Ich erhebe mich aus dem Liegestuhl. hole drei Dosen aus der Strandbar und vergesse dabei nicht, eine von ihnen auf dem Rückweg ganz gewaltig zu schütteln. Nachdem Stefan kurz im Wasser ein Bad zur Abwaschung des klebrigen Doseninhalts genommen hat, lümmeln wir uns wieder unter den Sonnenschirm und genießen einen Schluck des schaumfreien Bieres. Der Rhythmus von Tag und Nacht, wie wir es von der Erde gewohnt sind, ist  mittlererweile abhanden gekommen. Wir zählen  nur noch die Schlafperioden, die länger als sieben Stunden andauern. Nach kurzen Abstechern aufs Oktoberfest oder zum Skifahren, haben wir das Elixier zu unserem Hauptaufenthaltspunkt an Bord auserkoren. Die Roboter wurden von uns angehalten, die vierte Strandbar in ein kleines Restaurant umzugestalten, um dort die vielfältige Küche des gesamten Raumschiffs in einer Lokalität zu genießen. Unser Sonnensystem und auch unsere Nachbargalaxie, der Andromedanebel, liegen schon geraume Zeit hinter uns. Wir kutschieren durch Sternensysteme, von denen noch kein Mensch gehört hat. Seit unserem Abflug von der Erde sind ungefähr 43 Schlafperioden von mehr als sieben  Stunden vergangen.

„Morgen erreichen wir das Sonnensystem von Vierglashalter.“, Trinkernase reibt sich die Hände und scheint richtig froh wieder nach Hause zu kommen.

„Mann, daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht. Wir haben ja auch ein Ziel auf unserer Reise.“ Mike, der sich gerade von Vera den Rücken massieren lässt, zieht am zusammengesteckten Strohalm des vor ihm im Sand stehenden Cocktails und fügt hinzu: „Ich bin ja wirklich gespannt, wie es dort bei euch aussieht.“

„Lass Dich überraschen.“, meint Schlendria, die ab und zu immer noch ein wenig um Christian strawanzelt.

 „Jedenfalls gibt es heute Abend noch eine ganz besondere vorläufige Schiffsabschiedsparty.“, ihre Augen blinzeln zu Christian. Beat zieht mit Heidi an einer Wasserpfeife. Ich weiß nicht, was er dem Chefchemiker hier an Bord als Denkanstoß mit auf den Weg gegeben hat, doch das Resultat kann sich sehen lassen. Entgegen seiner Ankündigung nur noch Zigaretten zu rauchen, qualmt er schon seit einiger Zeit wieder seine Kräuterzigarettchen und eben Wasserpfeife ohne dass ich ihn auch nur ein einziges Mal husten gehört hätte. Auch die Wirkung scheint irgendwie verfeinert. Er kann sich aufgrund eines Dosiergerätes nun auf die Sekunde genau einstellen, wie lange sein Urlaub vom ich dauern soll.

„Eigentlich möchte ich hier nie wieder weg.“, Karin macht eine ausladende Armbewegung und deutet auf das Meer hinaus.

„Macht es doch wie ich.“, meint Beat. „Ich bin immer hier, aber doch manchmal nicht anwesend.“

„Das hast du falsch verstanden. Wir wollen ja gar nicht weg. Mit Deinen Auszeiten verkürzt Du ja die Anwesenheit, wie wollen sie ja verlängern.“, rückt Karin seine Denkweise gerade.

„Dann eben im Umkehrschluss. Wenn wir nicht mehr hier sind, empfehle ich ein kleine Dosierung in der Pfeife zu rauchen.. und schwupp, schon bist Du wieder unter Palmen.“,  sichtlich stolz auf seinen Geniestreich, legt sich Beat den Zeigefinger an die Schläfe und lässt sich von Heidi noch mal die Pfeife reichen.

„Wo ist eigentlich Jessie die ganze Zeit? Ich habe sie seit drei oder vier Tagen nicht mehr gesehen.“, möchte ich von Christian wissen.

„Würde mich auch interessieren. Das letzte mal dass ich sie sah,  war in einem Tanzschuppen auf C8K. Sie gab dort die Go-Go-Tänzerin und als ich fragte, ob sie mit nachhause kommen wolle, schüttelte sie nur den Kopf und ließ mich einfach stehen. Aber ein Raumschiff verliert nichts. So wie ich sie kenne, wird sie noch ein Weilchen durchtanzen und dann wieder auftauchen, zudem wir ja Morgen schon im System von Vierglashalter ankommen werden.“

„Kommt Mädels, wir sollten noch ein wenig Shopping gehen, damit wir für heute Abend auch dementsprechend ausstaffiert sind.“, dieser Einladung von Schluckadia können sich unsere Erdendamen nicht entziehen. Mit aufgeregtem Geschnatter, leeren sie schnell ihre Gläser, schlüpfen in leichte Strandkleidung und entschwinden zwei Minuten später mit der kompletten, weiblichen Vierglashaltercrew durch den Hohlweg um einzukaufen.

„Ah, endlich ein wenig Zeit um in aller Ruhe noch ein Bierchen unter Männern zu trinken.“ Dumpfhirn deutet dem Kellner an der Strandbar er möge doch noch eine eisgekühlte Palette ranschaffen. Nach zwei oder drei Stunden und einer nicht genau gezählten Anzahl von Paletten, löst sich unsere Herrenrunde gegen Sonnenuntergang auf.

 

Die Party soll hier im Elixier stattfinden und mit dem Hinweis, dass noch allerhand Vorbereitungen zu erledigen sind, werden auch die letzten Gäste, u.a. Stefan und ich, Sophie würde sagen „typisch“, vor die Tür gesetzt.

Wir düsen mit den Expressaufzügen in den Erdenbürgerquartierbereich. Als Gurgolina bei unserem Check In von bescheidenen Behausungen sprach, dachten wir, hier wäre als so gespickt mit Technik, dass sie uns so etwas wie die Besenkammern zum schlafen anbieten würden. Als Sophie und ich zum erstenmal die Zimmertür öffneten, fiel uns ,wie hier schon häufiger, wieder mal die Kinnlade bis zum Boden. Strahlender Sonnenschein empfing uns. Über einen breiten, gepflasterten Weg, flaniert von prächtig gestutzten Pappeln, gelangten wir nach ca. 100 Metern in den Vorgarten einer kleinen Villa, die sich wie aus dem Bilderbuch an einen flachabfallenden Hang schmiegt. Inmitten des Gartens erheben sich terrassenförmig mehrere Pools, die nacheinander von einem Wasserfall durchzogen werden. Über mehrere Rutschen gelangt man problemlos in jedes Becken und ein kleiner Wasserlift zieht einen wieder auf den oberen Schwimmbereich zurück. Das Hauspersonal erwartete uns schon auf der mit bequemen Gartenmöbeln und Liegen versehenen Terrasse und als wir die gefüllten Kühlschränke, die mondäne Küche, den Wellnessbereich und unser mit seidenen Laken bezogenes Bett sahen, beschlossen wir drei Tage nicht mehr aus dem Haus zu gehen.

Gerade als wir uns nach einem letzten Bier in der „Vorstadtkneipe“, die sich unmittelbar vor unseren Zimmern befindet, verabschieden wollen zieht mich Stefan wieder in den an den Tresen zurück und flüstert:

„Hast Du das gesehen, ich glaub meine Augen tanzen Twist.“

„Nö, was denn?“, ein wenig müde frage ich nach.

„Da vorne, schau aus dem Fenster.“

„Wo denn, ich sehe nichts.“

„Weiter links am Ende des Ganges vor dem leerstehenden Zimmer.“

Jetzt sehe auch ich, wie Jessie gerade mit einem Vierglashalter, dessen Namensschild ich auf die Entfernung nicht lesen kann, vor der Zimmertür rumturtelt. Ab und zu blicken sie sich verstohlen um, ob sie auch niemand beobachtet, um sogleich wieder in eine wilde Küsserei zu verfallen. Wir beobachten voller Erstaunen die Szenerie bis die Beiden nach ein paar Minuten die Tür öffnen und in dem Zimmer verschwinden.

„Das hätte man filmen müssen.“, meint Stefan süffisant und bestellt noch zwei wirklich allerletzte Weizen bevor es los geht, wie er nachdrücklich hinzufügt. Auf die Frage was er mit „bevor es los geht“ meint, bestellt er die wirklich Allerallerallerletzten und meint: „Das Biertrinken natürlich, oder hast du die Party heute Abend schon vergessen.“ Nach noch zwei letzten geht jeder auf sein Zimmer um sich in Abendgarderobe zu schmeißen.

 

Die fleißigen Blechköpfe haben wirklich ganze Arbeit geleistet. Es  befinden sich nun Teilsegmente aus den verschiedenen Themenbereichen im Elixier. So kann man nun gleich hinter dem Strand Skifahren, danach eine Runde Achterbahn mitnehmen oder  im Airrestaurant, das über der ganzen Szenerie schwebt, ein gepflegtes 5-Gänge Menü genießen.

„Jetzt haben wir uns extra für Euch so schick gemacht und Ihr wollt allen Ernstes, dass wir unsere Schminke wieder versauen, die Kleider ruinieren, die Friseur zerstören um mit Euch eine Runde Jet – Ski zu fahren.“,

Karin, die wie Sophie, Stefan und ich gerade mit dem Shuttle vom Airrestaurant wieder nach unten schwebt, deutet an wie viel Arbeit sie doch hatten. Stefan und ich zucken nur hilflos mit den Schultern.

„Geht klar.“, sagt sie. Wir beide  müssen wohl ziemlich belämmert gekuckt haben, denn jetzt können sie sich  vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten. 

„Jet-Ski fahren?“ ,der zuständige Verleihroboter schüttelt energisch den Kopf.

„Wir fahren gerade Nachtbetrieb und werden nicht extra wegen Euch den Sonnenaufgang vorverlegen,  wenn Ihr unbedingt Wassersport betreiben wollt, könnte ich Euch höchstens Para-Gliding anbieten, da habt Ihr einen super Blick auf den beleuchteten Strand oder aber ihr geht auf F4B, da findet gerade die morgendliche Wassergymnastik für die älteren Semester statt. Allerdings werdet Ihr dort die Einzigen sein, denn alles ist heute hier versammelt.“ Ich wusste gar nicht, dass es hier so was auch gibt.

„Ach ist doch egal, lass uns einfach ein wenig im Wasser rumpritscheln.“, kaum hat Sophie ihren Satz beendet, stürmt sie auch schon, ohne sich die Mühe zu machen ihre Kleidung abzulegen, ins Wasser und schwimmt ein paar Züge. Wir anderen stürmen hinterher, drehen ein paar Runden und werden, als wir wieder herauskommen schon von einem Butler mit Handtüchern und trockener Kleidung erwartet. Er erklärt mir, dass so etwas einfach zum Service eines guten Hauses mit dazugehört und er mit einer Liste der gesamten Kleider- und Schuhgrößen der Gäste aufwarten kann, die schon am Eingang abgescannt werden. Neu eingekleidet mischen wir uns in das schon fröhliche Gezeche an einer der Strandbars.  An einem nahe dem Meer stehenden Tisch entdecken wir Schlendria, Dumpfhirn, Schluckadia, Trinkernase und noch einige unserer lieb gewonnenen Freunde, schnappen uns ein paar Stühle und setzen uns zu ihnen. Nur mit einem kurzen Hallo uns begrüßend wenden sie ihre Augen wieder auf das seltsame Geschehen, das sich an einem einsamen Tisch mitsamt Stuhl einige Meter noch näher am Meer abspielt. Es ist Christian, der den ganzen Tisch mit gut gefüllten Whiskeygläsern hat vollstellen lassen.

Während unsere Champagnergläser immer wieder neu befüllt werden, beobachte ich, wie er ungefähr alle zehn Minuten ein oder zwei Gläser auf ex in sich hineinschüttet, diese kurz wirken lässt, um dann mit Schnorchel, Taucherbrille und Unterwasserlampe im Meer zu verschwinden, kurze Zeit später wieder auftaucht, ein bis zwei Gläser trinkt und der ganze Kreislauf wieder von neuem beginnt.

„Was in 3-Teufelsnamen macht er denn da“?, frage ich Trinkernase, der sich gerade einen neuen Strohalm für seinen Cocktail zieht.

„Er nennt es Genussmaximierung.“

„Genussmaximierung?“,  will ich wissen.

„Er versucht möglichst viele Nüchternheitszustände mit genauso vielen Trunkenheitszuständen zu kompensieren. Wie er meinte, geht Alkohol ungefähr nach 10 Minuten direkt ins Hirn und verursacht dann den lockeren Zustand. Immer wenn er ins Wasser geht, wird er wieder nüchtern oder meint es zumindest, wenn er wieder rauskommt, trinkt er schnell, lässt es wirken bis er wieder schwebt um dann wieder im Wasser auszunüchtern. Es hätte den Vorteil, dass man innerhalb von zwei Stunden somit an die 15 mal besoffen sein könnte ohne es am nächsten Tag mit einem 15fachen Kater zu büßen“.

Oje, der Ärmste, schön langsam glaube ich, dass ihm Schlendria mehr zusetzt  als ihm lieb ist.

„Wir haben sicherheitshalber ein paar Rettungsschwimmer im Wasser positioniert.“, Trinkernase denkt wirklich an alles und ich kann mich beruhigt wieder einer Runde Wodka-Brause hingeben, die Stefan gerade zur Belebung des Verdauungstraktes bestellt hat. 

 

Alle Lichter in der Sternenlounge sind ausgeschaltet. Wir spüren einen kleinen Ruck durch das Schiff gehen und sind fasziniert von dem was wir erblicken. Kurz zuvor passierten wir die drei unterschiedlichen Sonnen, die für die Erleuchtung von Vierglashalter zuständig sind. Sophies Problem mit den Parkplätzen ist auch gelöst. Eine riesige Flotte von kleinen Erkundungsschiffen, wie dem unseren und ein paar weniger Partyschiffen, die an die Ausmaße kleiner Monde erinnern, parken direkt rechts und links an der Einflugschneise zu Vierglashalter. „Willkommen auf Vierglashalter“ die größte Leuchtreklame, die ich je gesehen habe, strahlt uns entgegen. Sie geht über die breite des ganzen Korridors, der ungefähr 20 Schiffen unserer Größenordnung locker Platz nebeneinander bieten würde. Wir spüren noch ein letztes sanftes Ruckeln und setzen auf Vierglashalter auf.