Am nächsten Morgen sitzen einige noch immer ziemlich verkatert am Frühstückstisch.
Wir räumen unser Schloss, ohne zu versäumen einige dieser fantastischen Flaschen Rotwein noch als kleine Wegzehrung einzupacken. Wir verlassen das Tal der Loire und steuern durch das Rhonetal Richtung Lyon. An einer Autobahnraststätte diskutieren wir, ob wir direkt über Montpellier an die spanische Grenze wollen oder ob wir noch einige Nobelherbergen an der Cote Azur mit unserem Besuch beglücken. Monaco, Cannes und Saint Tropez liegen praktisch zu unseren Füßen. Da jedoch unser Französisch nicht mal ausreicht um nach dem Weg zur nächsten Toilette zu fragen, unser Spanisch und Englisch demgegenüber schon viel mehr ausgeprägt ist, fahren wir direkt Richtung Montpellier und erreichen kurz danach die Grenze zu Spanien.
Als wir in der Höhe von Girona eine Pinkelpause einlegen und uns unter der Mittagssonne ein eisgekühltes Weizen einschenken fragen wir uns, wieso wir eigentlich die Sprache zu unserem ausschlaggebenden Argument für Spanien gemacht haben. Mittlerweile haben sich unsere Illusionen soweit verflüchtigt, dass keiner mehr annimmt, je einen anderen Menschen als einen aus unserer Gruppe anzutreffen.
„Security goes four“, ich hatte Vera vergessen, sie spricht bei weitem besser Russisch als Englisch.
„Aufsitzen“, ruft Mike, der schon seit unserer Abfahrt die Führung des Konvois übernommen hat.
Wir folgen ihm blind. Das heißt fast blind, denn zu meinem Erstaunen funktionieren selbst die Navigationssysteme noch einwandfrei. Jeder weiß wo wir uns gerade befinden. Mike arbeitete einige Zeit als Monteur für eine große Firma in ganz Europa. Er ist, oder besser er war überall mehr zuhause als zuhause. Ich kann mir denken welches Ziel er ansteuert. Vor geraumer Zeit verbrachten wir ein oder zwei Urlaube dort. Er hat ein gutes Gespür. Wenn es irgendwo noch Gleichgesinnte, allerdings 12 Jahre jünger, in dieser Gegend geben sollte, dann hier. Ein Ort, in welchem die 18jährigen alt sind. Trinken das Ziel des Daseins ist. Sex, Suff und Sonnenbrand einfach dazugehören. Und nachdem wir eigentlich seit damals nie älter geworden sind, gehören wir hierhin. Lloret de Mar. Das letzte mal war ich hier mit 21. Ich fühlte mich dermaßen deplaziert, das ich schon nach 6 Tagen per Anhalter wieder nachhause gestoppt bin.
Die Fahrt hierher dauerte mit angenehmen Unterbrechungen nicht mehr als drei Tage. Wir ließen uns wirklich Zeit. Ein Weinchen hier, ein Pfeifchen dort. Wir sind ausgeruht, richtig entspannt. Wir kennen unsere Ängste und Zuversichten, wir haben getrunken und geliebt, gestritten und versöhnt. Wir sind ein Team. Fast nichts ist mehr fremd. Jeder kennt fast alle Eigenheiten des anderen. Wir fühlen uns wie Musketiere. Einer für alle, alle für einen.
Mike stoppt am oberen Kanal, unweit der Strandpromenade. Ich bin froh, dass wir hier mitten in der Nacht, nach Zeitrechnung Tag X ca. um 21.30 Uhr hier eintreffen. Die Zeitschaltuhren funktionieren auch hier prächtig.
Soweit ich aus meiner Erinnerung weiß, gleicht es hier am Tage eher dem Mond nach der ersten Kolonialisierung durch die Menschheit. Der Parkplatz ist ziemlich gut belegt. Hat jedoch keine Aussagekraft, da alle Parkplätze, die wir sahen, gut belegt waren. Wahrscheinlich hat auch hier der Nebel am Wochenende zugeschlagen. Die Straßen sind wie überall menschenleer.
„Londoner?“, meint Mike nachdem wir alle ausgestiegen sind.
„Bumpers?“, schlägt Christian vor.
„Moef GaGa?“, habe ich in angenehmer Erinnerung.
Erst jetzt fällt mir auf, dass wir die einzigen von unserer Truppe sind, die hier ihre Jugendurlaube verbrachten. Die anderen sind erst nach und nach dem etwas anderen Leben verfallen.
Die Frauen übernehmen die Leitung des Zuges. Heidi war schon mal in Calella, einem unmittelbar angrenzenden Ort. Sie schreitet voran. Wenn Sie nicht gerade ein Weizen in der Hand hätte und gerade an Christians Chic ziehen würde, könnte man sie gut als Anführerin des Amazonenheeres durchgehen lassen.
Wir begeben uns in die innere Fußgängerzone. Es hat sich nicht viel verändert.
Nach 200 Metern schallt es uns entgegen. „TNT“
Wir sind ca. 50 m von der gleichnamigen Bar entfernt. Auf dem Vorhof kotzen gerade ein Engländer, ein Holländer und ein Deutscher um die Wette, alle ungefähr um die 20.
„Das ist das erstemal, dass ich in den letzten drei Tagen zum 2. Mal glücklich bin.“ Heidi lässt das Weizen fallen und stürmt auf die Jungs zu, steckt sich den Finger in den Mund und versucht solidarisch mitzuwürgen.
Wir hetzen hinterher. Verdammt Menschen, zwar randvoll, aber Menschen.
„Nur ein Wetttrinken“, sagt David, der kleine Engländer als wir alle vor dem Kotzgelage stehen.
Wir sehen ihn fragend an und als ob er unsere Gedanken lesen könnte fährt er fort:
„Wir nehmen jeder eine Kiste Bier hierher und machen einen sogenannten Coopertest. Wer zuerst nach dem wenigsten kotzt hat verloren – oder besser gesagt, wir trinken etappenweise, 10-minutenweise, wer in dieser Zeit mehr schafft hat gewonnen.“
Ernst, der Deutsche, liegt mittlererweile am Boden und japst nach Luft.
„Ich heiße Jan.“, auch ein netter Kerl dieser Holländer.
Ich gehe in die Kneipe, rappelvoll. Leute aller Nationalitäten und Alterklassen tummeln sich auf der Tanzfläche oder am Tresen. Sehr laute Rockmusik hallt aus den überdimensionierten Boxen. Nicht das neue Zeug, guter alter 70er und 80er Rock. Einige Luftgitarrenspieler knien auf der Bar. Headbanger strecken ihre Finger zum V in die Luft. In den Ecken wird reichlich geknutscht. Als ich die Toilette betrete kommt mir gerade ein Pärchen Klamotten zurechtzupfend entgegen. Ich schlendere an die Bar um mir ein San Miguel geben zu lassen.
Als ich zahlen möchte, höre ich nur „Bottleparty“ ich soll das nächstemal einfach auch was mitbringen. Wunderbar, das kalte Bier rinnt wie Balsam durch die Kehle. Gerade als ich zum zweiten Schluck ansetzen will, betreten die anderen die Bar. Ernst, gestützt von Christian und Stefan, wird auf einen Sessel verfrachtet. Jan und David sind noch relativ gut in Schuss. Wir betreiben ein wenig Smalltalk. Plötzlich verstummt die Musik. Alle Scheinwerfer brennen auf hellster Stufe. Der DJ macht eine Ansage:
„Überlebensrunde!“
Dutzende von Tabletts werden durchgereicht und jeder schnappt sich eins von den nur aus einer Sorte bestehenden Getränken. „Wodka-Brause“
Ich sehe in den Augen unserer Gruppe nur Fragezeichen. Aber was soll’s. Wodka geht immer. Wir prosten dem ganzen Lokal zu. Wir müssen mehr über diese Zeremonie herausbekommen. Während unsere Damen die Stellung im TNT halten, machen Beat, Stefan, Christian, Mike und ich uns auf den Weg um einige Kisten Weizen in das Lokal zu schaffen. Als wir nach einer Stunde wiederkommen fährt mich Sophie an:
„Wo ward ihr denn solange, der Weg zum Konvoi beträgt kaum zehn Minuten?“
„Ja hin schon, doch Du darfst nicht vergessen, dass wir eine Kette bilden mussten, so das immer zwischen zwei von uns eine Kiste Weizen mitgeschleppt werden konnte. Außerdem kannst Du nicht verlangen, dass wir so eine Strecke ohne Pause absolvieren können. Um uns nicht überzustrapazieren beschlossen wir in vier Teiletappen die Strecke anzugehen, um die Gelenke zu schonen.“, gebe ich zu bedenken.
„Ich hätte es wissen müssen.“, Sophie schüttelt verständnislos den Kopf „Aber eins musst Du mir noch erklären. Wenn ihr eine Kette mit fünf Leuten bildet und zwischendrin ist jeweils eine Kiste, dann müssen es doch vier Kisten sein, doch soweit ich sehe habt Ihr nur drei mitgebracht.“
„Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts durch zu große Anstrengung.“, lacht Beat aus dem Hintergrund.
Heidi schüttet ihm ein Bier über den Kopf.
„Innerlich, nicht äußerlich“, versuche ich zu erklären.
Jetzt sehe ich auch aus wie ein begossener Pudel.
Christian, Stefan und Mike kommen auch nicht besser weg. Wie es scheint mangelt es Frauen manchmal an Verständnis, was schwere Arbeit wirklich bedeutet.
Nachdem wir uns wieder abgetrocknet haben, schnappen wir uns aus dem Café nebenan einige Tische und stellen sie auf die Straße. Mit Jan, David und den drei Kisten sitzen wir unter den Sternen und lassen die beiden erklären:
„Wisst Ihr, eigentlich ist das TNT so was wie ein Trinker-Kibbuz. Ich bin vor ca. drei Wochen mit ein paar Freunden mit dem Bus hier angekommen. Ihr kennt ja den Tagesablauf hier. Die ganze Nacht feiern, lange schlafen und nach dem verspäteten Frühstück ab an den Strand. Wir waren zu dritt. Jeden Abend Party bis zum umfallen. Wodka-Brause trinken bis sich die Magenschleimhaut kringelt. Weiber aufreißen und wenn möglich abschleppen. Die ersten Tage waren wir immer gemeinsam unterwegs, dann hat sich Steven in eine aus der Nähe von Stuttgart verguckt. Wir, Take und ich, haben ihn dann nur noch ab und zu am Strand händchenhaltend und verliebt rumspazieren sehen. Er war auch nur noch ab und zu bei uns im Hotel und nach besagter Nebelnacht haben wir ihn ganz aus den Augen verloren. Take ist übrigens mit noch ein paar anderen Holländern auch jeden Abend hier beim abtrinken.“, Jan wirkt fast ein wenig nachdenklich.
David hingegen schnappt sich ein Weizen und ergänzt ein wenig:
„Mir ging es ähnlich. Nach jener Nacht war ich der einzige von all den Leuten, mit welchen ich angekommen bin hier in Lloret. Ich durchstreifte die Straßen, der einzige Platz wo noch Leute anzutreffen waren – das TNT -.
Anfangs waren es vielleicht 15-20. Mit den Tagen wurden es dann ein paar mehr. So wie ihr es jetzt seht besteht es ungefähr seit einer Woche. Seit dieser Zeit ist auch keiner, außer euch, mehr hinzugekommen. Wir haben natürlich zu rekonstruieren versucht, was geschehen ist. Nach ein paar Tagen hatten wir den Durchbruch. Jeder von uns hat ziemlich exakt zur selben Zeit an jenem Tag Wodka-Brause getrunken. Daher trinken wir jetzt jeden Tag so ungefähr zur gleichen Zeit eine Überlebensrunde. Keiner ist sich sicher ob es was bringt, jedoch sind die meisten der Ansicht, dass es keinesfalls schaden kann.“, David schnappt sich noch ein Weizen.
Es stellt sich heraus, dass auch wir zur selben Zeit Wodka-Brause getrunken haben. Wenn sich die Theorie des Trinker-Kibbuz als richtig erweist, gibt es nur noch die Menschen, die an jenem Tag, genau zur gleichen Sekunde Wodka in sich reingeschüttet haben. Eine Stunde hat 3600 Sekunden, ein Tag 86400, Die Erde hat ca. fünf Milliarden Einwohner. Ich kenne schon verdammt wenig, die überhaupt Wodka-Brause trinken, dass es andere genau in dieser eine Sekunde taten gilt schon als sehr unwahrscheinlich. Angenommen jeder 1000. Erdbewohner hätte an diesem Tag Wodka-Brause getrunken, wären es 5 Millionen Leute. Jedoch bei einer Wahrscheinlichkeit von 1: 86400 Sekunden an diesem Tag blieben genau 57,87 Menschen weltweit übrig. Das ist ein bisschen weniger als sich hier im TNT aufhalten. Zum Glück gibt es doch noch mehr Trinker als ich errechnet habe. Ich sehe schon die Schlagzeile in Bild, wenn es sie noch gäbe. „Wodka rettet Menschheit“ oder „Trinken erhält Leben“ oder „Tod durch Abstinenz“. Das mit den Zahlen verwirrt mich noch ein wenig ich hake bei Jan nach:
„Sag mal, wo kommen den die Leute überall her und in welchen Zeiträumen sind sie hier angekommen?“
„Schwer zu sagen, wie David schon sagte, waren es anfangs ungefähr 15 oder so. Die waren alle im Urlaub hier, jetzt fällt es mir erst auf, alle waren auch an jenem Tag im TNT und einer schmiss eine Runde Wodka-Brause. Da hab ich auch David und Ernst kennengelernt. Der Rest kam dann tageweise nach. Immer in Gruppen von zwei bis ungefähr sechs oder acht Personen. Einige sind aus Dänemark, andere aus Österreich, die vier hübschen Mädels, vielleicht hast Du sie schon gesehen, kommen aus Italien. Es sind noch ein paar Länder vertreten, doch ich kann Dir momentan nicht sagen welche.“
„Und wie versteht Ihr Euren Kibbuz?“, interessiert mich brennend.
„Nun ganz einfach. So wie es heute hier abgeht machen wir seit jenem Tag jeden Abend Party. Jeden Abend ist eine andere Truppe dran, das Personal zu stellen. Sie besorgen die Getränke, machen den Service, spülen, räumen auf und schauen, dass alles wie in einer normalen Kneipe seinen Gang nimmt.“
„Gibt es denn da keine Reibereien, von wegen einige wollen nicht arbeiten und sich vor allem Drücken?“, frage ich nach.
„Im Gegenteil“, erklärt mir David „Jeder ist schon immer ganz wild drauf den Abend auszurichten, weil mittlerweile schon ein richtiger Wettbewerb entstanden ist, wer die beste Party ausrichten kann und den Laden am besten schmeißt.“
„Und was macht Ihr so tagsüber?“ will ich noch wissen.
„Nun, wie Ihr sicherlich schon bemerkt habt, sind unsere Partys kein Kindergeburtstag. Somit verbringen die Meisten den Vormittag damit, sich von Ihren Wehwehchen zu erholen. Ich habe mir angewöhnt, so gegen Mittag ein Reparierbier zu trinken, um den Kater ein wenig abzuschwächen. Wenn unsere Gruppe dran ist mit der abendlichen Party, treffen wir uns meist so am späten Nachmittag, um „Einkäufe“ zu erledigen. Hier ist es wie im Schlaraffenland. Lloret ist bzw. war jeden Abend auf ca. 50.000 Partyleute ausgerichtet und ungefähr genauso viele Übernachtungsgäste. Die Supermärkte sind voll, die Kühl- und Gefrierhäuser der Hotels bis obenhin gefüllt, von den Bier und Schnapsvorräten in den unzähligen Pubs und Discos ganz zu schweigen.
Wir sind ja nun schon eine zeitlang am feiern, dennoch haben wir bei unserer Vorratsbeschaffung noch nicht einmal auf ein anderes Hotel als unseres zugreifen müssen. Und hier gibt es wirklich einige. Wenn wir nicht gerade am vorbereiten sind, hängen wir meist am Strand rum. Irgendwie hat sich so eine tägliche Strandparty mit Sunset-Chill eingebürgert. Alles total zwanglos. Wer Lust hat kommt, wer nicht, wird schon etwas anderes zu tun haben. Tagsüber und auch am Strand ist Selbstversorgung angesagt. Wir wohnen auch nicht im gleichen Hotel. Jeder dort wo es ihm gefällt. Einige haben sich ins Hinterland verzogen. Andere sich in ein paar Luxushotels einquartiert. Eine Gruppe verbringt Montag bis Freitag in Barcelona. Wie sie sagten, brauchen sie einfach das Stadtleben, solche Spinner. Doch am Wochenende hauen sie sich hier die Rübe voll, wobei sie jedes Mal auch eine Party mit Neuheiten aus der Stadt ausrichten. An sich machen sie auch nichts anderes als wir. Doch wir geben uns jedes mal wieder erstaunt, wie toll sie sich doch vorbereitet haben.“
„Kein schlechtes Leben“, Beat hebt anerkennend seinen rechen Daumen und zündet sich ein paar Kräuter an.
David öffnet sich sein mittlerweile fünftes Weizen und heißt uns nochmals ein mit ins TNT zu kommen, damit er uns gebührend in die „Szene“ einführen kann. Als wir eintreten hat die Anzahl der Aufrechtstehenden schon merklich nachgelassen. Dennoch bedeutet es hier anscheinend nicht, dass die Party schon zuende wäre, vielmehr wird einfach am Boden oder auf einem Sofa liegend lustig weitergeschluckt.
„Ich bin müde, war ein langer Tag.“, meint Sophie.
„Ja lass uns gehen.“, schließt sich Jessie an.
Nachdem wir alle im TNT eingeladen haben, morgen auf unsere Party zu kommen, gehen wir zurück zum Konvoi und legen uns schlafen.
Ich verbringe eine unruhige Nacht. Die Uhr zeigt ca. 0.30 Uhr als wir uns in den hinteren Bereich des Wohnmobils zurückziehen. Die Betten hatten wir morgens schon frisch überzogen. Wir haben zwar eine Waschmaschine samt Trockner an Bord, doch haben wir uns auf dem Weg hierher immer wieder mit neuer Kleidung und Bettwäsche eingedeckt, so dass wir uns waschen und bügeln schenken können. Sophie kommt gerade aus der Küche und bringt uns noch zwei Gläser Rotwein als kleinen Schlummertrunk. Der ganze Tag war so überladen mit Neuigkeiten und Veränderungen, dass wir das Trinken fast ganz und gar vergessen haben.
„Auf uns“, sie prostet mir zu.
„Salut dinero y amor“, gebe ich zurück.
„Mir gehen einige Sachen nicht aus dem Kopf.“, Sophie sieht sehr nachdenklich aus.
„Ist dir aufgefallen, dass, obwohl die meisten schon mindestens zwei Wochen hier sind, doch alle ziemlich blass aussehen? Also ich wenn hier wäre, würde ich doch die meiste Zeit am Meer oder zumindest im Freien verbringen, ins Hinterland fahren, Jet-Ski fahren oder weiß der Geier sonst irgendetwas tun. Bevor du anfängst...
ich weiß, du hast auch nichts gegen feiern, doch bei allem was Du mir erzählt hast, würdest sogar Du einen Tag am Meer einem Tag bei heruntergelassenen Rolläden, schwitzend im Zimmer, vorziehen. Für mich sind das alles ziemlich verkommene Gestalten. Trinken und Feiern ist eine Sache, Pillen und Spritzen eine andere. Ich weiß ja nicht wie es im Männerklo ausgesehen hat, doch im Damenklo, in den Bindenabfalleimern lagen einige Kanülen herum. Außerdem habe ich beobachtet, dass fast jeder Zweite in der Kneipe auf Speed war. Wenn ich bedenke, dass eine Gruppe jeden Tag die Hütte wieder auf Vordermann bringt und ich an die Anzahl der Spritzen in den Eimern denke, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Da drin war irgendwie eine schaurige Stimmung. Alle abgestumpft. Klar, Fummeln und Tanzen, jedoch hast du da drin jemand lachen gesehen, geschweige denn ein Unterhaltung beobachtet. Nur Stumpfsinn. Alle Regungen ausgeschaltet. Grundbedürfnisse bestimmen das handeln. Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung ohne Sinn, ohne Genuss, ohne Gefühl. Nur noch Instinkte und Fleisch, Körper ohne Seele, Hüllen ohne Inhalt. Ich glaube die einzigen „Normalen“ sind David, Jan und Ernst und vielleicht noch ein paar andere, wie die Italienerinnen zum Beispiel. Sicherlich, Du wirst Dich jetzt fragen, wie ich gerade auf die drei Jungs komme. Sie hatten wenigstens ein bisschen Farbe im Gesicht und waren nicht direkt in der Bar als wir angekommen sind. Auch die Tatsache, dass sie sich das Bier mit nach draußen nahmen hebt sie von den anderen ab. Mir tun sie irgendwie leid. Mir kommt es so vor, als ob sie die einzigen wären, die sich positiv von den anderen abkapseln. Sicherlich, sie sind hier und verbringen doch irgendwie die Zeit mit den anderen, doch nicht um derentwillen, vielmehr glaube ich, dass sie auf der Suche sind oder hier einfach abwarten. Sie sehen wahrscheinlich hier einen Treffpunkt, die letzte Enklave der Menschheit, der Gedanke lautet: „Wenn wir noch andere treffen, dann hier.“ Vielleicht haben sie ihre Freundinnen verloren, falls sie welche hatten. Abi hinter sich, Studium vor sich – das ganze Leben. Wir sind vielleicht in diesen Bereichen schon viel zu abgestumpft, außerdem haben wir uns.“
„Ja, wir haben uns.“, ich drücke sie an mich.
Erst jetzt wird mir klar, wie recht sie hat, sei es in Bezug auf uns oder auf das TNT.
Ich lege meinen Kopf auf ihren Bauch und schließe die Augen, sie streichelt mein Gesicht
„Gute Nacht Wochenendtrinker.“
„Gute Nacht Klosterfrau.“
Ich sehe auf den Wecker. 02.30 Uhr. Mit dem Kopf befinde ich mich am Fußende des Bettes. Ich habe Durst und gehe an den Kühlschrank um mir ein Wasser zu holen. Ich kenne unruhigen Schlaf, doch mit dem Kopf am Fußende bin ich noch nie aufgewacht. Sophies Worte kreisen durch meine Gedanken. Ich trinke mein Wasser stelle die Flasche neben das Bett und versuche wieder einzuschlafen. Ich starre an die Decke, drehe mich von links nach rechts, schließe die Augen, öffne sie wieder, kuschle mich an Sophie, trinke noch einen Schluck Wasser. 03.30 Uhr. Ich weiß nicht ob ich geschlafen habe, geträumt oder nur wachsinniert. Entweder bin ich immer noch wach oder schon wieder aufgewacht. Sophie schläft trotz meiner Wälzerei immer noch. Mir geht es einfach nicht aus dem Kopf. Wieso sollten sich hier nur die Kaputten treffen? Ich habe den Laden in guter Erinnerung, immer Party und genügend Frauen. Ich schleiche mich aus dem Wohnmobil, ein bisschen frische Luft, ein paar Schritte und hoffen, dass sich das Sandmännchen meiner erbarmt. Indianergleich haben wir auf dem Parkplatz mit den Wohnmobilien einen Kreis gebildet und die Vorräte in die Mitte gestellt. Gerade als ich die zweite Runde um unser Wigwamdorf drehe kommt mir Vera entgegen.
„Kannst Du auch nicht schlafen?“, frage ich.
„Nee“, lautet ihre Antwort. „Hatte eine nicht zufriedenstellende Diskussion mit Mike.“
„Schlimm?“
„Nein, das nicht, brauchte nur ein bisschen frische Luft, war ein wenig stickig da drin.“, sie deutet mit dem Daumen hinter sich auf deren Bleibe.
Ich will nicht weiter fragen. Vielleicht können wir uns gegenseitig helfen. Ich erkläre ihr Sophies Gedanken und dass ich gerade deswegen kein Auge zubekomme. Erstaunlicherweise hatte sie dieses Thema auch bei Mike angeschnitten. Er verstand nicht, was sie meinte, wahrscheinlich halluziniere sie und trinkt einfach zu viel, außerdem sei das deren Problem, Hauptsache Party. Wir begeben uns zu Mike und erläutern noch mal die Erlebnisse. Nach einiger Zeit kommen wir überein; Vera und ich begeben uns noch mal ins TNT um die Lage zu sondieren und er bleibt solange bei Sophie. Ich bin froh, dass wir uns geeinigt haben. Sophie alleine in dieser Kiste und keiner der ihr im Notfall beisteht. Vielleicht übertriebene Vorsicht. Ist ja keiner da, doch wer weiß wie sich manche verhalten, wenn sie vollgepumpt bis oben auf dem Nachhauseweg sind.
Um den Schein zu wahren schlendern wir volltrunken vorgebend in die Bar. Es sind ungefähr zwei oder drei Stunden vergangen, als wir sie verlassen hatten. Zu dem Zeitpunkt waren die meisten schon jenseits der Schmerzgrenze.
Als wir eintreten öffnet sich ein riesengroßes Loch. Der Laden ist noch zu einem Drittel gefüllt, die Junkies.
Alle völlig weggetreten. Koks liegt auf Spiegeln. Es macht sich keiner mehr die Mühe irgendwelches Spritzbesteck wegzuräumen. Kopulierende Körper. Schwitzende Gestalten. Eingefallene Gesichter. Sophie hatte recht. Leere Hüllen.
„Auch nen Schuss?“, der Barkeeper, welcher mir anfangs so überaus freundlich das Bier in die Hand drückte, schaut uns schmierig hinter der Theke entgegen.
„Klar gib her.“, kommt es spontan aus mir. Vera knufft mich in die Seite und flüstert mir ein schnelles „Spinnst du.“ ins Ohr. „Will wissen was hier abgeht.“, flüstere ich leise zurück.
Er schiebt mir das Besteck entgegen und ich begebe mich damit zur Toilette um vorzutäuschen mir dort die Spritze zu setzen. Als ich wieder den Barraum betrete unterhält er sich gerade mit Vera. Er versucht sie anzubaggern und prahlt:
„Weißt du, diese Gestalten die hier rumhängen sind wirklich alle zum kotzen. Sie sind der Abschaum. Ich habe vor dem Verschwinden der Menschheit die ganze Costa Brava mit Stoff versorgt und massig Kohle eingesackt.
In einer angrenzenden Bucht liegt noch meine Yacht. Ich würde Dich gerne mal auf eine Spritztour mitnehmen. Du fragst Dich sicher, nachdem Geld wertlos geworden ist, warum ich immer noch für Stoff sorge. Ziemlich einfach. Alle die hier noch rumhängen sind so was wie meine persönlichen Sklaven. Sie brauchen jeden Tag ihren Stoff oder eine Prise weißes Pulver. Sie tun alles um wieder auf den Trip zu kommen. Sie lecken mir die Füße oder Küssen mir den Hintern. Ich bin ihr Gott. Es die absolute Macht. Willst Du meine Göttin werden und mit mir gemeinsam über alle herrschen?“
Das gehörte reicht mir. Vorgebend dass ich unbedingt nachhause muss, schnappe ich mir Vera und wir gehen wieder zurück zum Lager.
„Und jetzt?“, Christian schaut beim morgendlichen Frühstück fragend in die Runde.
Sophie ergreift das Wort:
„Wir können mit Sicherheit hier keine Suchtberatungsstelle eröffnen, doch ich finde wir sollten retten, was noch zu retten ist. Also schlage ich vor, dass drei Leute hier bleiben um unseren Aufbruch vorzubereiten. Einige sollten nach den Jungs gucken, damit wir sie von hier wegbringen können. Vorausgesetzt mein Instinkt hat mich nicht verlassen und sie sind damit einverstanden und weil wir es gestern ja groß versprochen haben, rüsten wir das TNT noch mit Getränken aus und machen alles für eine Party bereit. Wir geben einfach vor, nichts mitbekommen zu haben, schreiben einen Zettel, wünschen viel Spaß und erklären, dass wir uns als nächstes Italien anschauen wollen, um einen Giro de Grappa zu veranstalten. Somit haben sie uns alle in guter Erinnerung und wir unsere Ruhe. Anstatt nach Italien fahren wir einfach mal nach Andalusien ich habe schon richtig Appetit wenn ich an leckeren Serranoschinken und Sherry aus uralten Fässern denke.“
Vorschlag angenommen.
Wir treffen Ernst, David und Jan als sie sich gerade an der Strandpromenade ein Mittagsbierchen genehmigen.
„Warum nicht, hier ist sowieso alles so eingefahren.“, meint Jan nachdem wir ihnen unseren Vorschlag mitgeteilt haben. „Aber die Italienerinnen müssen mit.“, fügt David hinzu.
„Uns soll’s recht sein, wenn Ihr Euch 3 : 4 zutraut und das konditionell durchhaltet.“, und mit dem Hinweis, dass er auch eine übernehmen würde, grinst Christian den Dreien aufmunternd zu.
In Barcelona fällt der Abschied von den Sieben herzlich aus. Sie bedanken sich noch mal bei uns, dass wir sie auf die Idee des Nomadentums gebracht haben und nachdem auch sie nun mit Vorräten, Wohnmobilen und Trucks ausgestattet sind, tauschen wir unsere Nummern und Mailadressen, beschließen in Kontakt zu bleiben und winken ihrer Kolonne nach als sie uns mit Ziel Griechenland verlassen und hinter einer Straßenecke verschwinden.