Kapitel 1: Der Nebel

„Hilft ja nichts“, sagt Stefan und prostet mir zu. „Da müssen wir wohl durch“, entgegne ich, erhebe in gleicher Weise  das mit Wodka gefüllte Schnapsglas und lasse mit ihm und der ganzen restlichen Runde, die aus ihm, Christian, Karin, Mike, Vera und noch zwei Mädels, deren Namen mir bis dahin unbekannt sind, die Gläser klirren. Wir öffnen, schon mit der Vorfreude des angenehmen Schauderns die Brausebeutel und schütteten uns den Inhalt in den Mund.

Wie immer war schon im Vorab die Spannung im Raum, wer nun von uns Waldmeistergeschmack bekommen sollte. Jeder will immer nur Waldmeister, weil es mit Abstand am künstlichsten schmeckt. Allerdings ist mir auch bekannt, dass wenn man irgendwo eine 100er Box Brause kauft, immer nur eine bestimmte Anzahl Waldmeister darin enthalten ist. Fred, unserem Wirt, machte ich mal den Vorschlag, dass er die anderen Geschmacksrichtungen einfach den Nicht-Stammgästen verscheppern soll. Er willigte dem auch ein, doch dank seiner Leidenschaft für Wodka-Lemon, vergaß er es schnell wieder und nach wie vor muss immer der eine oder andere auf so ordinäre Geschmacksrichtungen, wie Himbeere, Zitrone oder Orange ausweichen.

Die Münder schließen  sich wieder, die Zunge vibriert, der Gaumen brennt, die Augen tränen, jeder genießt

für einige Sekunden das angenehme Schaudern, das den ganzen Körper erzittern lässt. Der Augenblick der Erlösung kommt näher. Wodka in die Hand, zum Mund, reinschütten, runterschlucken, schütteln, bei manchen würgen – endlich ist alles im Magen, noch ein kurzes Verziehen der Gesichtsmuskulatur; es ist vollbracht. Schnell ein Bier zum Runterspülen.

 

Stefan: Mein bester Freund, hat ein kleines Multimediageschäft. Mit Karin bildet er schon seit längerem ein Paar. Hat Einfühlungsvermögen. Ich liebe ihn

Christian:  Mein Freund. Immer den Frauen hinterher. Die meiste Zeit in tropischen Gefilden. Ein  Lebenskünstler.

Karin: Freundin von Stefan. Absolut zuverlässig. Eine Spitzenköchin.

Mike: Hat viel durchgemacht. Geschieden. Einen Sohn. Vor Vera alle Mittel angewandt um Frauen ins Bett zu kriegen.

Vera: Seine Freundin. Eine Spitzenservicekraft. Manchmal fast zu schweigsam, aber eine gute Seele. Sie tut Mike einfach gut

Die zwei Mädels: Keine Ahnung, aber eine davon sieht fantastisch aus

 

Es ist Wochenende. Samstag. Wir nennen ihn gerne die zweite Runde des Wochenendes.  Eine der zwei Damen hat sich einen 80er Klassiker gewünscht. „Ride On Track“ von Breakfast Club läuft gerade in voller Lautstärke aus den Boxen. Ich versuche mit ihr zu flirten. Ab und zu erwidert sie meine scheuen Blicke. Ich bin ein wenig unsicher und suche mein Glück mit der Bestellung einer weiteren Runde für alle. Der Abend entwickelt sich prächtig. Wir unterhalten uns, tanzen ein wenig, trinken noch einige Bier, bezahlen und gehen nach Hause.

 

Sonntag 6. Mai

„Oh Gott, so eine Scheiße“, murmle ich vor mich hin. Ich öffne meine verklebten Augen und blinzle in die schon hoch am Himmel stehende Sonne. „Wäre wohl besser gewesen, meine Bemühungen mehr auf die Damenwelt zu lenken, anstatt mit Mike bei einer weiteren Schnapsrunde über irgendwelche kommunale Politiker zu diskutieren“, denke ich bei mir und schaue unter die Bettdecke. „Nackt“, super, ich habe es gestern doch noch geschafft mich auszuziehen. Meine  Hose, meine Socken und mein Pulli hängen aufgeräumt über dem hochmodernen Designerstuhl, der dank der Genialität seines Schöpfers zu allem anderen mehr als zum sitzen zu gebrauchen ist, weshalb ich ihn auch vor meinem Bett stehen habe. Mit der Frage, wo sich meine Unterhose versteckt, kratze ich mich an den Weichteilen, strecke meine durchzechten Glieder gegen die Decke, fasse an meine pochenden Schläfen und begebe mich vor den Spiegel in der Toilette. „Wie immer“, geht mir durch den Kopf. Ziemlich aufgedunsen. Ein Auge hängt noch nach unten.  Die Tränensäcke werden auch nicht besser. Nachdem ich mich eine Weile betrachtet habe gehe ich zur Schüssel und bemerke, dass meine Körpermitte die Farbe eines Pavians auf gleicher Höhe, nur eben vorne, angenommen hat. Ich denke mir nichts dabei und warte  entspannt dem was da rauskommen mag. Es geht nichts raus, zumindest nicht am Anfang. Ziemlich klebrig. Was jetzt, das Hirn ist noch nicht so genial wie gestern nach dem 4. Wodka Brause. Es läuft. Ja.

Meine ersten Schritte jeden Wochenendmorgen führen mich immer in die Küche, um zu wissen, was ich mir gestern noch zubereitet habe. Meistens weiß ich es, wenn ich die Spur der Essensreste von der Küche bis ins Schlafzimmer verfolge. Komisch, nichts gegessen, keine Spur. Ich begebe mich auf den Spuren der Nacht ins Wohnzimmer. „Ahhhh verflucht“, Chips, zwei Gläser und eine Flasche Rotwein stehen fast jungfräulich auf dem Glastisch. Das Kassettendeck der Stereoanlage ist auf Endless Play und trudelt immer noch vor sich hin. Rondo Venziano.

Wieder zurück in die Küche. Magnesium, Kalzium, Multivitamin  und Aspirin,  alles in einen Maßkrug.  Hinsetzen. Es dauert ungefähr eine Minute bis man so was leer hat. Zähne putzen.

Ok, das ist erledigt. Ich gehe zehn Minuten durch die Wohnung, dabei vermeide ich das Schlafzimmer. Ich habe keine Ahnung ob da was ist, was ich vielleicht bereuen würde. Wie so oft in solchen Situationen rufe ich Christian an.  „Sag mal, wen hast du denn gestern abgezogen?“, möchte ich wissen.

 „Neben mir liegt jemand“, kommt es von ihm.

„Weiß ich, aber wer?“

„Keinen blassen Schimmer.“

„Die Blonde oder die Schwarze?“

„Ich sehe nur noch Sterne.“

„Zur Überprüfung der Echtheit hilft ein Blick auf die Körpermitte.“

„Ne, mir ist schon schlecht.“

„Depp, schau.“

„Schwarz.“

„Und ihre Freundin?“, ich habe noch meine Zweifel.

„Ist doch mit Dir abgezogen!“, kommt es zurück.

...“Ähh, ja klar. Wollte nur wissen, wie es dir geht. Kaffee heute Nachmittag?“

„Schnarchchchach.“

Diese Ungewissheit macht mir doch einigermaßen zu schaffen. Hinzu kommt, dass ich doch ein wenig verkatert bin und mich mehr an die Tanzerei als an das Danach erinnern kann.

„Hilft ja nichts“, so unser Motto. Ich gehe ins Schlafzimmer, grummle mich wieder unter die Decke. Ich bin noch ein wenig müde. Ich sehe, dass da jemand liegt. Die Blonde.

„Guten Morgen“,  ich gebe ihr  einen Kuß auf den Nacken. Sie liegt wie ein Rollmops in der Besucherritze. Mit verschlafenen Augen und einigen Knautschstellen auf der Stirn dreht sie sich zu mir um.

„Guten Morgen, wieder nüchtern?“, kommt es von ihr.

Ich denke, ich muss sterben. Sie ist wunderschön.

„Mich freut es wirklich riesig, dass du noch hier bist. Die meisten hätten wegen meiner Schnarchtöne wahrscheinlich schon vor Stunden das Haus verlassen.“, lasse ich sie wissen.

„Ich weiß, Du bist der Wochenendtrinker und wenn du dann noch auf dem Rücken schläfst, erscheinen die Posaunen von Jericho wie ein ruhender Bergsee. Du hast mich gestern schon vorgewarnt.“

„Hattest du zufällig Ohropax dabei oder einfach zwei Tampons zweckentfremdet?“, möchte ich wissen.

„Blödmann!“, bekomme ich zu hören bevor sie ein bisschen sanfter fortfährt.

„Duuuuu?“

„Ja?“

Ich bin mal wirklich gespannt, was ich jetzt zu hören bekomme. Vielleicht waren  ihr die in der Mikrowelle gebratenen Rindersteaks noch ein wenig zu medium oder der Käse darauf doch eher zu flüssig.

„Wie heißt du eigentlich?“, will sie nur wissen.

Eigentlich ist es schon fast eine Beleidigung, weil es nur bedeutet, dass man eigentlich keine Ahnung hat.

„Michael.“

„Angenehm, Sophie.“

„Hast du schon mal aus dem Fenster geschaut?“

„Weißt du wie spät es ist?“, toll so eine Gegenfrage. Ich denke, sie kann sich auch an nichts mehr erinnern.

„Na?“ gibt sie ihrer Frage Nachdruck.

„11.30 so ungefähr.“

„Sophie, haben wir miteinander geschlafen?“

„Kurzzeitig.“

„Wie kurzzeitig? Heißt das, ich habe meine Grundverliebtheit nicht zügeln können?“

„Umgekehrt wird ein Stiefel draus. Wie ein Latin-Lover bist du mir nicht gerade vorgekommen. Du hast es kurzzeitig versucht und dann, na ja du warst wirklich sehr, sehr müde.“

„Tut mir leid. Gestern hat der Durst gesiegt.“

„Du bist der zärtlichste Mann, den ich je getroffen habe.“

„Ich habe versucht, dass es dir gut geht, tut mir leid.“               

Wirklich eine peinliche Situation. Ich schaue ich aus dem Fenster und überlege, was besser ist. Einerseits sie hierzuhaben, andererseits alleine weiterschlafen zu können. Sie hat wirklich Klasse, was die Entscheidung für einen geruhsamen Nachmittag auf dem Sofa nach hinten rücken lässt.

Eine kurzeitige Stille beherrscht den Raum. Es geschieht nichts, weder Positives noch Negatives, ich stiere weiter aus dem Fenster. Halb zwölf ist aber auch eine blöde Zeit.

Wäre es früher, könnte ich vorgeben, noch ein wenig schlafen zu müssen, bei zwei Stunden später wäre die Möglichkeit gegeben, ihr vorzumachen, dass man mit irgendjemanden einen Kaffee verabredet hätte.

Wäre normal, wäre sinnvoll, wäre legitim – ohne schlechtes Gewissen....

Was denke ich eigentlich, ich sollte froh sein, dass sie hier ist -  ich bin es  auch. Ich habe weder das Bedürfnis sie loszuwerden, noch mit irgendjemandem anderen den Nachmittag verbringen zu wollen. Hoffentlich bleibt sie, hoffentlich kann sie mich ertragen. Ich möchte nur meinen Kopf auf ihren Bauch legen, wünsche mir, dass sie mir meine Gesicht streichelt und vielleicht ein bisschen Mitleid mit mir hat. Zum Beispiel: „ Oh, du armer Wicht, wieder zuviel erwischt, wieder kein Ende gefunden, soll ich dir eine Aspirin auflösen?“ Natürlich..! Nichts von dem geschieht.

Stattdessen geht sie ins Wohnzimmer, holt zwei Gläser Wein und bringt sie ans Bett. „Na, geht noch einer zum Frühstück?“

Mir wird speiübel. Ich weiß nicht, ob es noch am Restalkohol oder einfach an der Tatsache liegt, dass mir so was noch nie passiert ist. Man stelle sich vor, dem überfressenen, verweigernden Deckhengst wird zur Belohnung noch extra Hafer gereicht.

Doch schön langsam dämmert es mir. Sie versucht den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Überdruss schafft Sättigung. So versucht sie mir also zuleibe zu rücken.

„Ok, was denkst du?“, will sie wissen.

„Ich wundere mich, dass du mir Wein anbietest.“

„Warum nicht, du hast doch gestern auch eine ganze Menge davon vertragen.“

„Ja das war gestern. Freitag und Samstag habe ich die Lizenz zum Trinken.“

„Und heute nicht mehr?“, säuselt sie die Gläser schwenkend.

„Ach was soll’s 007 macht heute eine Ausnahme.“

Ich gebe mich geschlagen, indem ich das Glas auf Ex austrinke und damit versuche meinen Restwert zu steigern.

Sie steht auf. Ich höre aus der Toilette das typische Geplätscher wenn Frauen müssen. Ein Freund hat es mal mit dem einer Kuh über einer sehr großen Wasserpfütze verglichen. Sie geht ins Badezimmer, die Dusche wird angemacht, sie singt. Ich schlafe ein. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe. Wahrscheinlich würde man es bei einem Autofahrer als Sekundenschlaf bezeichnen. Ich sehe durch die halbgeöffnete Tür des Schlafzimmers, wie sie den Weg Richtung Wohnzimmer anpeilt.  Das ist es! Sie ist selber noch randvoll! Sie pendelt ihren Weg ins Wohnzimmer, wobei sogar ich sehen kann, dass sich ihre Koordination der Körperfunktionen immer noch auf der eines dreijährigen Kindes befindet. Sie singt wieder. Es macht gluckgluckgluck. Die Tür wird komplett aufgepoltert, sie hält erneut ein volles Glas in der einen und die Flasche Wein in der anderen Hand.

„Komm, lass es uns beenden.“, meint sie.

„Was beenden?“

„Ja, die Flasche natürlich. Oder meinst du vielleicht was anderes?“ Ich habe keine Ahnung, wie ich das nun aufzufassen habe. Meint sie es, wie sie es sagt oder meint sie die  Fortführung dessen, was heute Nacht nicht so ganz gelungen schien. Wir nuckeln noch ein Weilchen an der Flasche bis uns wieder der Schlaf übermannt.

 

Ich schaue auf  den Wecker, der müde durch die untergehende Sonne durch das Fenster beschienen wird. Ich sehe keine Zahlen, keine Leuchtdioden, sogar der Wecker scheint in  einem Hauch von Nebel zu sein. Meine Augen, meine Nase, meine Ohren, mein Mund, alles ist voller Nebel. Sogar Sophie, die sich eng an mich geschmiegt hat, sogar meine Hand, die ich mir gerade vor die Augen halte, sind vor  Nebel nicht zu sehen. Ich fühle sie. Ich rieche sie. Ich fühle meine Zunge und erinnere mich an ihre Küsse.  Ich hebe die Decke, ich sehe unsere Körper wie durch eine Milchglasscheibe. Nebel.

„Wenn das wirklich so ist wie ich denke, war das der beste Sex den ich je hatte.“ , bemerke ich zu Sophie.

„Wo bist du, ich sehe nur Schleier?“, kommt es, wie aus der Gruft von ihr zurück. Auch ihre Stimme ist vernebelt. Wahrscheinlich habe ich doch zuviel getrunken oder sie hat mir einfach irgendwelches Zeug in den Wein gemischt. Man kennt das ja. „Typ mit Sexdrogen abgefüllt, benutzt und hörig gemacht!“ Ich hätte mit ihr auch ohne Drogen geschlafen. Ich hätte sie geliebt, wie ein Priester seine Haushälterin nach Aufhebung des Zölibats. Ich würde sie immer lieben, egal wann und wo.

„Halt mich, ich sehe nur Schleier.“, kommt es direkt in mein Ohr.

Meine Hand ertastet sich zu ihrer, wir finden uns, wir drücken zu.

„Der Nebel, der Nebel, was ist das für ein Nebel?“ Ich sehe sie nicht, doch fühle ich ihren verzweifelten Blick auf mich gerichtet.

Schön langsam fühle ich einen Klos in meinem Hals heranwachsen. Was geschieht? Ich beschließe, mich auf allen Vieren zur Toilette zu begeben, und obwohl mit meinem Magen alles in Ordnung zu sein scheint, mal ausgiebig zu kotzen. Vielleicht wird es besser.

Ich hieve meine Füße aus dem Bett, richte mich auf. Ok, stehen klappt. Die Schlafzimmertür ist nur angelehnt, doch auch von Nebel umgeben. Der Gang, die Tür zum Klo, selbst die Schüssel – Nebel. Ich mach Zielschießen, wie so oft wenn ich ziemlich benebelt nach Hause komme. Doch meist ist dies nachts um vier und nicht bei anscheinend untergehender Sonne zu irgendeiner Zeit. Ich pirsche mich wieder zurück ins Bett und falle sofort, Sophie folgend, in einen tiefen Schlaf.