Mit dem himmlischen Brainstorming kommen wir auch nicht weiter. Wir beschließen besser ein Bier zu trinken. Calanda oder so ähnlich heißt das beste Bier in der Schweiz. Hat übrigens Beat noch aus dem Sheraton mitgenommen.
Wo ist der Zusammenhang, wo ist der geistige Orgasmus, wo ist einfach die Lösung unserer Fragen?
Wir sind also wieder am Anfang. Vielleicht ein kleines Stückchen weiter. Angenommen, eines unserer Szenarien träfe zu, was zwar komisch, aber doch anhand der Tatsachen irgendwie zutreffend wäre. Angenommen wir sind wirklich die einzigen, die, was weiß der Geier, irgendwie einer Katastrophe ausgekommen sind. Warum gerade wir? Wir beschließen für den Moment mal die Sache auf sich beruhen zu lassen und einfach das Leben zu genießen.
„Ich wollte schon immer mal Schlossbesitzer sein und den teuren Weinkeller plündern.“, Stefan ist wieder voll da.
Der Lagerplatz ist schnell aufgeräumt. Die Vorräte reichen bis zum Renteneintrittsalter. Die Handys sind an den Ladestationen, feine Sache die Steckdose im Auto. Die Tanks gefüllt und mittlerweile wehen an allen Gefährten die Fahnen sämtlicher Nationen, die wir bei einem Zwischenstopp in Genf kurzerhand am UNO-Gebäude abgeschraubt haben.
Genf liegt schon lange hinter uns. Wir tuckern gemütlich durch das Loire-Tal. Schlösser-Suche.
Ich habe keine Ahnung, wo genau sich die noch bewohnten Schlösser befinden. Wie wir alle annehmen, dürften zur Zeit alle leer stehen und nur darauf warten, dass die edlen Tropfen Abnehmer finden. Es stellt sich heraus, dass noch keiner von uns je in dieser Gegend war. Man hat eben nur schon mal davon gehört, was für ein herrliches Fleckchen Erde dies sein soll, und ehrlich, wir sind absolut begeistert. Richtig romantisch, verträumt und überhaupt mal was ganz anderes als das was wir sonst so auf unseren Ferienreisen zu sehen bekommen haben. Wenn man nämlich so wie wir aus dem Voralpengebiet stammt, zieht es einen doch meist ans Meer. Beim Zusammenzählen der jeweiligen Urlaubregionen bemerken wir, dass wir gemeinsam schon die ganze Welt gesehen haben. „Tja, Live is a beach“, weiß Christian zu berichten.
“Das ist es.” Jessie ist ganz aufgeregt.
„Wo denn?“ ich höre Karin aus dem Funkgerät brüllen.
„Da unten links, ca. 300 Meter vor uns.“
In der Tat, es liegt wunderschön direkt am Fluss inmitten einer wunderschönen Parkanlage. Es stehen auch etliche Nobelkarossen vor der Tür. Wenn wir Glück haben, war vielleicht ein Gelage der Schönen und Reichen geplant. Ich träume schon vor mich hin. Die Kühlschränke voller Austern, ein gerade ausgenommenes Spanferkel, das nur darauf wartet einen Stock zu schlucken, ein offenes Feuer inmitten einer feudalen Fresshalle, einige Flaschen Champagner, edler Cognac und natürlich ein Weinkeller der auf Leerung wartet.
Es beginnt das, was wir im nachhinein immer gerne als eine neue Dimension von König Artus’ Tafelrunde, die Fortsetzung der Geschichte von Camelot bezeichnen, wenn es den Geschöpfen von Avalon genehm gewesen wäre.
Wir durchstreifen den gesamten Gebäudekomplex. Ich denke ich war ungefähr drei Stunden unterwegs, bis ich mich durch alle Gänge, Gewölbe und riesigen Parkanlagen wieder am vereinbarten Treffpunkt in der Empfangshalle eingefunden habe. Wie ich feststelle bin ich nicht der einzige der sich hier fast verirrt hatte. Nur Mike und Vera sitzen in riesigen Sesseln vor dem noch riesigeren Kamin, wo sie ein kleines Feuerchen entzündet haben.
„Wo sind die anderen?“, ich sehe mich immer noch beeindruckt in der mit Bildern irgendwelcher Ahnen behangenen Halle um.
„Also.“, Mike holt tief Luft. “Beat und Heidi hacken gerade Holz, anscheinend war das faule Herrschaftspack, das hier vor uns zugange war sich zu gut ein wenig mehr als das was vor dem Kamin bereit steht zu hacken. Karin ist mit Christian und Jessie in der Küche. Sie kontrollieren die noch verwertbaren Lebensmittel. Sophie habe ich zuletzt bei den Stallungen gesehen wie sie gerade die Pferde freiließ und Stefan, tja Stefan, keine Ahnung, den habe ich seit wir uns hier getrennt haben nicht mehr zu Gesicht bekommen.“
Auf dem Weg hierher haben wir etliche freilaufende Pferde, Kühe und auch einige Füchse und Rehe gesehen. Wir streiften auch ein oder zwei Bauernhöfe. Vielerorts waren die Tiere in einem wirklich bedauernswerten Zustand. Soweit es uns irgendwie möglich war haben wir sie alle aus ihren Stallungen, Pferchen und vor allem aus den Tiertransporten befreit. Es war ein Elend. Doch wir mussten weiter. Ich komme immer noch nicht ganz dahinter, wie der Zusammenhang zwischen – keine Autos auf den Straßen und den lebenden Tieren – herrührt.
„Was grübelst du schon wieder?“ Sophie kommt gerade herein.
„Ach nichts, ist nur so ein Hobby von mir.“
„Blöd rumstehen?“ meint Mike.
„Andere lümmeln sich eben lieber vor dem warmen Kamin, außerdem habe ich Hunger.“ Mike kann manchmal ein richtiger Nervarsch sein.
Obwohl wir schon mehrere Szenarien erkundet haben, bleiben doch noch viel mehr Fragen offen als mir lieb ist.
Zum Glück stellte die Küchenbrigade fest, dass wir an diesem Abend wirklich nicht an Hunger zu leiden haben. Wenn wir hierblieben, könnten wir gut und gerne drei Monate überleben ohne an unseren eigenen Vorräten auch nur ansatzweise zu knuspern. Nicht nur das jede Menge Gefrierhäuser bis obenhin gefüllt sind, sondern vielmehr hat es unser Gastgeber, unbekannterweise, auch nicht versäumt sich einen immensen Vorrat an Konserven und Trockenware anzulegen. Säckeweise Mehl, Hülsenfrüchte, Dörrpflaumen, in Weckgläsern eingemachte Antipasti und jede Menge Reis runden alles ab.
Als Stefan eintrifft sind wir schon am schmausen. Den Weinkeller hat jeder von uns entdeckt und sich auch genügend Flaschen des bevorzugten Weines mitgebracht. Doch er schafft es, noch einen draufzusetzen.
„Ratet mal wo ich herkomme?“ er ist zwar nicht voll, dennoch schon ganz gut angenebelt.
„Dem ewigen Leben entronnen?“ Sophie trinkt gerade ihr obligatorische Gläschen Dom Perignon nach jedem Bissen.
„Nein, Ihr schaut immer nur auf das Vordergründige, saufen, fressen, ficken. Ihr seht keine Zusammenhänge zwischen Ewigkeit und Wein, Wahrheit und Verdammnis oder so ähnlich. Zuerst dachte ich, ich betrete nur eine weitere Kammer des Weinkellers. Wirklich die edelsten Tropfen. Doch je mehr ich meine Schritte nach vorne lenkte, desto mehr bekam ich den Eindruck, dass es sich hierbei um was Besonders handeln muss. Ich ging also weiter, eine Treppe nach unten, noch mehr Weine, immer älter, ein Luke mit einem Schraubverschluss, wie bei einem U-Boot, eine Leiter nach unten. Ich kletterte weiter, hörte jemand röcheln oder bildete es mir ein. Als ich unten ankam, erkannte ich, dass es sich hier um einen Atomschutzbunker handeln muss. Ich kam mir vor wie im Führerbunker.
Neonlichter an der Decke, endlose Gänge, hier und da weitere Röcheleinheiten. Ich betrat eine Kammer. Gut dass ich eine Taschenlampe dabei hatte. Überall waren Särge, eine Hand griff nach mir..“ Stefan schläft ein.
Die Wahrheit ist, dass sich der Schlossherr wirklich einen Atomschutzkeller gebaut hatte, den besten Wein darin gebunkert und seine Ahnen darin aufgebahrt. Die Hand war ein Nagel, woran er hängenblieb und für das Röcheln war niemand anderes als Stefan selbst verantwortlich, der einfach seinen aufgeregten Atem von den Maueren widerhallen hörte.
Christian hat es sich mittlerweile mit Jessie am Tafelende bequem gemacht, sich die Krone auf den Kopf gestülpt und macht mit einem Löffel den er gegen ein Weinglas klopft auf sich aufmerksam:
„Liebe Burgfräulein und Ritter.“ wir schauen uns verblüfft an.
„Also noch mal, liebe Fräulein, anwesende Adlige, Ritter und Hofnarren. Nachdem wir uns nun zu einem üppigen Mahle hier eingefunden haben, möchte ich nicht versäumen, dem vorherigen Herrscher über dieses Lehen unseren Dank auszusprechen.“ Allgemeiner Applaus, Gläser erheben, zuprosten, trinken, rülpsen.
„Wir sollten uns bei unserem Gelage, wenn wir schon in einem so feudalen Rahmen uns aufhalten dürfen, vielleicht jedem eine Rolle zuordnen.“ Keiner weiß so genau, was der Herr eigentlich meint.
„Ich meine, auf so einem Schloss hatte in früheren Jahrhunderten jeder seine ganz bestimmte Aufgabe bei Hofe zu erfüllen. Es gab den König, das ist falls es Ihr nicht wissen solltet, der mit der Krone auf dem Kopf.“ Dabei deutete er auf sich, um uns zu erkennen zu geben, was er meint.
Mit einem Kissenwurf vom anderen Ende der Tafel wird er kurzerhand von Mike seiner schweren Bürde des Staatsoberhauptes von der Gnaden befreit. Mit einem gezielten Wurf hatte er nicht nur die Krone von Christians Kopf heruntergeschossen, sondern auch den Herrscher in Spee gleich mit von seinem Sessel herunterkatapultiert, so dass dieser erst nach zehn Sekunden wieder zum Vorschein kam, seinen Kopf auf den Tisch legte und den Hofstaat um Enthauptung bat.
Wir mussten derart Lachen, dass gleich ein paar von uns auch von ihren Sitzgelegenheiten runterpolterten. Es sieht so ähnlich aus, wie wir uns als Kinder den Spaß machten, die Schildkröten, die man mindestens einmal im Leben zum Geburtstag geschenkt bekommt, auf den Rücken zu legen, um zu sehen wie lange es dauert, bis sie wieder von alleine auf die Füße kommen.
Christian’ s Vorschlag wurde einstimmig mit der Auflage abgelehnt, dass er nur wieder als Gleichgesinnter am Tisch platz nehmen darf, wenn er eine Runde Wodka Brause aus seinem Vorrat spendiert.
Christians Idee mit Rollenspiel vergangener Zeiten lässt mich nicht mehr los. Nachdem ich mich schon immer sehr für die Antike, vor allem der Römischen Geschichte, und den Sagen von König Artus, Robin Hood, dem Helden Siegfried und noch so ein paar Helden interessiert habe, liegt der Gedanke nahe, was wir machen würden, wenn der Spuk der letzten Tage einfach von einer Zeitverschiebung herrührt. Eine Reise durch die Geschichte. Wer weiß, vielleicht begegnen wir bald Neandertalern. Ich verwerfe diesen Gedanken ziemlich schnell, da wir immer noch auf Errungenschaften der modernen Technik zurückgreifen, die bekannterweise nicht mal die alten Römer ihr eigen nennen konnten. Doch was wäre wenn? Wie würden wir uns in einer Welt zurechtfinden, in welche, sagen wir mal ein paar Jahre vor Cäsars Ermordung, wir zurückversetzt würden? Wir wissen wie ein Auto funktioniert, Internet? keine Frage, aus welchen Bestandteilen Sprengstoff hergestellt wird, wie Strom produziert wird und auch die Zusammenhänge des Universums sind uns nicht fremd. Doch all unser Wissen stößt eine seine Grenzen, wenn einfach die Rohstoffe fehlen bzw. keiner weiß wie diese verarbeitet werden müssten, um sie uns nutzbar zu machen.
Ich grüble eine Weile vor mich hin.
„Hoch die Tassen.“, schreit Mike.
Ich trinke meinen Krug auf Ex und verfalle wieder der Vergangenheit.
„Was ist denn mit Dir los?“, schreit mir Sophie ins Ohr.
Allmählich hat das Gelage ibizenkische Dimensionen angenommen. Die Musik dröhnt mit intensiven Bässen durch die Halle. Die Beats haben mittlererweile gut und gerne 150 pro Minute erreicht und alle Zucken mehr oder weniger dem Rhythmus folgend.
„Keinen Bock zu tanzen?“, schreit Sophie noch mal.
„Mmhh?“, ich befinde mich gerade in meinen Gedanken auf dem Forum Romanum mit anderen Senatoren über die allgemeine Lage in Gallien plaudernd und nach Wegen suchend, wie der Feldzug Cäsars baldmöglichst zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden kann.
„Komm Du fauler Sack, denk nicht so viel und lass Deinen Kopfdruck beim tanzen ab.“, knufft mich Sophie in die Seite.
„Heureka!“ fährt es mir auf.
„Wie?“
„Ja verstehst du denn kein Griechisch Senator?“
Ich höre nur noch so etwas wie Idiot und sehe wie sie Beat hilft seine Tütchen ein wenig kürzer werden zu lassen.
Nachdem ich noch einen weiteren Humpen Wein auf ex geleert habe befinde ich mich wieder auf dem Forum. Druck, das ist es, und zeichne die Funktion einer Dampfmaschine in den Sand, die zur Vernichtung Alesias beitragen soll. Das einzige was ich mir vorstellen könnte auch zur damaligen Zeit zu bauen. Man stelle sich vor das Ding wäre schon 2000 Jahre früher in Betrieb genommen worden. Wo ständen wir jetzt?
„Jetzt sei kein Spielverderber, komm lass uns tanzen.“, Sophie und Karin zerren mich zu den anderen.
Wie bekannt, wurde Gallien erst zu einem späteren Zeitpunkt unterworfen, jedoch beschäftigt mich auch noch beim Tanzen, was wohl gewesen wäre, wenn Hannibal statt seiner Elefanten, nur die halbe Anzahl an Panzern gehabt hätte.
„Sag mal, du rauchst doch nicht seit neuestem?“, Christian zieht genussvoll an einer Wasserpfeife.
Anscheinend war ich so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht mal bemerkte, wie Beat und Heidi wie wild auf dem Fußboden an ihrer Kleidung rumwerkelten und nachdem sie eh schon nackt waren, gleich noch den Akt dort vollendeten.
„Mist“, gebe ich von mir.
„Das nächstemal, frage ich einfach, ob ich ein wenig mitarbeiten darf.“, meint Christian eher amüsiert als ernst zu nehmend.
Christian ist eigentlich hauptsächlich auf dunkelhäutige Frauen spezialisiert. In der Regel wird er schon spitz, wenn jemand meint, dass z.B. der „schwarze“ Toner gewechselt werden muss. Deswegen wundert es mich auch, dass er Jessie, so wie man es raushört, doch als sehr attraktiv betrachtet und sie sogar ganz gut leiden kann, obwohl sie doch eher als hellhäutig durchgehen würde. Wir reden noch ein wenig über diese Tatsache, dann versucht er seine Kippe lässig wegzuschnippen, welche auf seinem nackten Arm landet und ihn verbrennt. Er flucht ein wenig vor sich hin, schlingert zu Jessie, küsst sie, nimmt sie huckepack und verschwindet letztendlich in die oberen Gemächer ohne es zu versäumen nochmals mit einem ewigbreiten Grinsen zu mir zurückblicken.
Mittlerweile haben auch Karin, Vera, Sophie und Mike der Tanzfläche den Rücken gekehrt, sitzen am Tisch und japsen nach Luft. Die Musik ist wieder auf Zimmerlautstärke.
„Heh, wo bleibt der Sound?“, Stefan guckt uns aus mauskleinen Augen an.
„Na, wieder unter den Lebenden?“ ,Karin küsst ihn zärtlich auf seine verlängerte Stirn.
„Begrüßungsschluck gefällig?“, Mike reicht ihm ein Glas Cognac.
„Und wo bleibt der Espresso, damit ich wieder richtig los legen kann?“ Stefan fehlt noch was zu wachwerden.
Er und auch alle anderen, die schon länger kenne, sind wie ich der Ansicht, dass diese ganzen Energy-Drinks aus viel zu viel Chemie bestehen. Der einzige Weg sich natürlich schnell aufzupuschen besteht aus der Mixtur Cognac und Espresso. Am besten im Mischungsverhältnis 1 : 1. Jeder Grün-Alternative wird uns sicher beipflichten. „Back to the roots“. Ökologisch Trinken oder Energie-Stricken wie wir es auch schon bezeichnet haben.
Superman hätte an mir seinen Meister gefunden. Ich flitze in die Küche und noch bevor Stefan sich kurz frisch machen hätte können, knie ich schon mit einem Tablett ECo, EspressoCognac, vor ihm:
„Hier Meister aller Meister, durchlauchter und ehrgebürtiger Abkömmling derer, die zueinst die Gewölbe durchforsteten, um zu finden den ewigen Schlafe, nachdem die Klauen des Todes ihm nichts anhaben konnten und welcher gefunden den Weg zurück in unsere Mitte.“
„Depp“, Stefan hat mich durchschaut und nimmt eine Tasse vom Tablett.
Auf Knien begebe ich mich zu den anderen und reiche jedem einen kleinen Muntermacher.
„Büttel, hat er nicht etwas vergessen?“, und nachdem Mike die letzte Tasse vom Tablett genommen hat, verpasst er mir noch einen angedeuteten Tritt in den Hintern.
Wir stoßen an. ECo wird immer in einem Zug getrunken. Deswegen auch das Mischungsverhältnis 1 : 1 sonst verbrennt man sich die Schnauze. Schnell eine Zigarette angezündet. Schmeckt mit dem noch frischen Cognac-Espresso-Geschmack im Mund einfach fantastisch.
„Rudlbums“, ist die Antwort von Mike als ich wissen wollte, was wir jetzt tun sollen.
„Ja, wenn der Rudl nichts dagegen hat“, überraschenderweise kennt auch Sophie diesen Insiderwitz.
„Es ist noch viel zu früh um ins Bett zu gehen“, meint Vera
„Wieso wie spät ist es denn“, Karin legt den Kopf in die Schulter und schaut auf Stefan.
„Es spielt doch keine Rolle, ich bin doch eh erst den Toten entronnen. Außerdem, wer muss denn morgen zum Arbeiten, und müde bin ich auch nicht.“
Ich stimme Stefan in jeder Hinsicht zu.
Mit Mike ist es so eine Sache, er bildet sich immer ein, dass nur das gemacht wird, was ihm gerade in den Kopf kommt, dass jeder, wenn er etwas will, genau zu diesem Zeitpunkt auf seiner Wellenlänge schwimmen muss.
Vera hat von allen die meiste Veränderung durchgemacht. Ich kannte sie noch vom Anfang ihre Beziehung von Mike. „Ja Mike, passt schon, was sollen wir tun usw.“ Sie hat Freunde gefunden, sei es bei der Arbeit, beim Sport oder auch nur weil sie ein „netter Kerl“ ist. Ich habe den Eindruck, sie liebt Mike wie am ersten Tag, doch hat sie erkannt, dass Liebe nicht nur daraus besteht, das zu tun was der Partner meint, was zu tun ist.
Mike nimmt sie an der Hand und gibt ihr einen Kuss auf die Backe:
„Komm, wir gehen nach oben.“
„Nein, ich möchte noch ein wenig Spaß haben und mit den andern irgendetwas verrücktes machen.“, bremst ihn Vera aus.
Mikes Schuss geht für ihn nach hinten los. Anstatt dass jeder und vor allem Vera ins Bett will, sind wir in richtig guter Partylaune, die sich auch Vera durch Mike nicht vermießen lassen will.
Er weiß was jeder denkt und einlenkenderweise schließt er sich unserem Streben nach Party an.
„Komm lass uns tanzen gehen.“, Sophie ist ein echtes Bewegungstalent.
Ohne zu bedenken, dass wahrscheinlich keine Disco geöffnet sein wird, schnappen wir uns einfach drei Luxuskarossen vor dem Haus und fahren in den nahegelegenen Ort.
Wir fahren eine dunkle Straße entlang. Die genaue Zeit ist uns eh abhanden gekommen. Als wir uns einem kleinen Nest nähern sehen wir wieder die Leuchtreklamen von den Bars und Restaurants vor uns aufleuchten.
Zeitschaltuhren. „Ich bewundere die Franzosen“, durchfährt es mich. Kein Schwein auf der Straße aber Essen und Trinken geht immer. Mit der Zeit freuen wir uns wirklich über noch so wenig Anzeichen von Zivilisation.
Es stellt sich heraus, dass dieses verträumte Dorf im Normalfall aus nicht mehr als aus 500 Einwohnern bestehen kann. Wenig Häuser, ein paar Herbergen, jedoch jede Menge an Nobelrestaurants.
„Guinness, ich sehe Guinness.“, brüllt Stefan in ein Funkgerät.
Er hält am Parkplatz vor dem Irish Pub. Er stürmt durch die nur angelehnte Eingangstür. Karin sperrt solange den Rolls ab.
Wir parken und schlendern gemütlich Stefan nachkommend in das Lokal.
Ein gutes Guinness dauert ungefähr zehn Minuten. Ein Pils sieben. Entweder waren wir sehr, sehr träge oder Stefan im wahrsten Sinne seiner Zeit voraus. Als wir das Lokal betreten, stehen sechs perfekt aussehende Bier auf dem Tresen. Er hat es sogar schon bewerkstelligt, dass die Initialen von jedem im Bierschaum vermerkt sind.
„Du hast doch gemogelt“, gebe ich zu bedenken.
„Jemand hat uns erwartet“, ich sehe wie Stefan die Sache langsam komisch vorkommt.
„Ich schwöre es euch, ich bin doch auch erst zwei Minuten vor Euch hier angekommen. Die Biere standen schon da. Und geht doch mal in die Küche „Irish Stew“ sechs Teller, genau Esswarm.“
„In einem irischen Pub gibt es nun mal Stew.“, gibt Karin zu bedenken.
Ich sehe wie auch sie ihr Stimme, trotz vorgebender Zuversicht, verliert.
„Ja verflucht noch mal, sieht das jetzt nach einer Einladung aus oder wie? Wir wollten tanzen gehen und das tun wir jetzt auch. Leckt mich doch am Arsch mit allen euren finsteren Gedanken. Habt Ihr schon mal was von Zufällen gehört? Wahrscheinlich steht der ganze Mist schon seit Tagen hier, reiner Zufall.“ Sophie hat insofern recht, dass man Essen zwar warm halten, jedoch nie über Tage den Schaum auf dem Bier beibehalten kann.
Ein Licht zischt draußen vor dem Pub vorbei.
„Sieht aus wie ein Truck.“, Mike hat seine Fassung wiedergefunden.
„Und wer sitzt drin?“ Vera ist auch noch da.
Irgendwann habe ich die Eigenschaft entwickelt, mir vorzumachen, dass ich das Leben liebe. Mitnichten ich liebe nicht das Leben, ich liebe das gute Leben, alles andere ist nur vegetieren. Ok, wer es so machen will.
Jenseitsfanatiker. Leben nach dem Tod. Verdammt lass uns vor dem Tod leben.
„Wach auf.“, ich höre Sophies Stimme in meine innere Gehirnwindungen dringen.
„Edel sei der Mensch hilfreich und gut“, ich zitiere Goethe.
„Du Doofsack, wer sitzt verdammt noch mal in diesem Truck?“
„Harry Potter vielleicht?“, ich kriege gerechterweise eine gescheuert, beziehe aber fälschlicherweise die Backpfeife auf mein Unwissen über Harry Potter, wo doch jeder weiß, dass er noch keine Führerschein hat und fast ausnahmslos auf dem Besen reitet. Als ich mir die Backe reibe und gerade keiner zuhört klärt mich Sophie auf:
„Weißt Du, warum ich Dir eine gelangt habe?“
„Na ja, ich denke, weil ich keine Ahnung von Harry Potter habe.“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und kriege gleich noch mal eine. Allerdings sehe ich auch ihre Mundwinkel sich nach oben verziehen und ihre Augen haben ein kleines Funkeln:
„Ne mein großes Dummerchen, ist Dir eigentlich aufgefallen, dass, seit wir unterwegs sind, sich alles mehr oder weniger mit Feiern beschäftigt hat?“
„Ja, was hätten wir den sonst tun sollen, vielleicht in Trübsal verfallen und nach dem Nirvana suchen?“
„Du kapierst wieder mal gar nichts.“ Lächelt sie mich aufmunternd an.
„Ok, wir hätten auch an einem Platz bleiben können und unser Heil auf der spirituellen Ebene, Zarathustra nacheifernd auf einem hohen Berg suchen können. Vielleicht wären sogar noch ein paar Zeugen Jehovas hernieder aus dem Paradies geschritten, hätten uns ausgelacht, uns ihren Mittelfinger gezeigt und wären mit der Begründung, wir hätten nie den Wachturm gekauft, ohne uns mitzunehmen wieder durch die Himmelspforte entschwunden.“
Ich sehe wie Jessie....Jessie? gerade Guinness direkt aus dem Zapfhahn trinkt. Mike an der Musikbox ein paar weitere Titel wählt und Karin, nachdem sie zwei Whiskey getrunken hat schon munter auf dem Tresen tanzt.
„Haben wir Euch wenigstens einen gehörigen Schrecken eingejagt?“ Christian kommt gerade mit zwei Tellern Stew aus der Küche.
„Als wir oben waren, haben wir erst mal ein Pfeifchen geraucht und dachten, dass wir den Sex auch auf später verschieben können. Euch ist ja beim Wegfahren nicht mal aufgefallen, das ein Truck fehlt. Wie gesagt, wir haben uns schon gedacht.. Guinness.. Stefan und Michael?, Dinge die sich wie Magneten anziehen. Tja, ich muss schon sagen, das war den Spaß wert, wobei ich doch ein wenig enttäuscht bin, dass Ihr so gar nicht auf uns sauer seid.“
Sophie holt noch mal aus. Diesmal war ich schneller ich kriege sie am Arm zu fassen und drücke ihr einen langen, langen Kuss auf die Lippen.
„Genau das ist es.“, sie schaut mir tief in die Augen. „Wir sind die ganze Zeit nur am feiern, essen...
„Vergiss mir ja das trinken nicht“, füge ich hinzu. ....ja genau trinken“ Sophie hat wieder das Wort übernommen.
„Ich meine wir kennen uns ja noch nicht so lange und wie Du sicherlich bemerkt hast kann ich auch einiges vertragen, feiere gerne mit dir und den anderen, tanze gerne, vom guten Essen ganz zu schweigen. Weißt du eigentlich, dass du ein ganz lieber Kerl bist. du hast so viele gute Seiten und Eigenschaften. Nur wenn Du zuviel getrunken hast, schläfst du einfach weg und der Abend ist für dich gelaufen.“
„War doch nur ein oder zweimal.“, versuche ich mich rauszureden.
„Ja schon, aber auch wenn Du nicht schläfst hab ich nicht soviel von dir. du hast immer was mit jemanden zu besprechen. Wenn du und Stefan im Gespräch vertieft seid und ihr kurz danach wieder Eure Lachanfälle kriegt, was ich ja Euch von Herzen gönne, verstehe ich meist nur Bahnhof und komm mir irgendwie überflüssig vor.“
So hab ich das noch nie gesehen, ich will gerade antworten als sie fortfährt.
„Weißt du?“, sie zögert kurz
„Weißt Du, Du redest wirklich viel Blödsinn und ich selber habe oft schon schallend darüber gelacht. Nur musste ich dir eine kleben, damit du vielleicht auch mal mit mir über was ernstes, ehrliches sprichst. Und..
und vielleicht gerade deshalb weil du irgendwie doch über alles lachen kannst, obwohl ich weiß, dass du tief in dir drin auch mal ernsthaft nachdenkst, ich .. ich denke ich habe mich in dich verliebt.“
„Und ich dachte schon Du wolltest mir das Trinken verbieten oder die Biervorräte sind sauer geworden.“
Autsch, die hat wirklich gesessen und war die verdienteste Ohrfeige die ich je eingefahren habe.
Ich drücke sie ganz fest an mich. Ich spüre ihren Atem an meinem Ohr, sie zittert ein wenig. Ein kleines zerbrechliches Kind, auf sich gestellt in einer völlig absurden Welt. Ich beschließe sie nie wieder loszulassen.
„Ich hatte immer das Gefühl, du gehst mir eher aus dem Weg. Ich wusste nicht wie ich mich dir gegenüber verhalten soll, vor allem, nachdem ich ja bei unserem kennenlernen mich ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe. Ich war immer nur damit beschäftigt mich für Vergangenes zu schämen und mein schlechtes Gewissen blockte mich immer, wenn ich dir sagen wollte, was ich für dich empfinde. Abgewiesen zu werden, ausgelacht zu werden, damit komme ich nicht klar. Vielleicht ist meine vorgegebene Gleichmütigkeit mein ganz privater Atomschutzbunker, meine Baumhütte, meine Höhle. Hier kommt niemand rein. Aber noch viel schlimmer ich kam nie raus. Mir geht es schon seit dem ersten gemeinsamem Morgen so. Ich hatte das Gefühl dich schon zu kennen, vielleicht aus meinen Träumen oder Sehnsüchten. Es ist komisch. Zuerst musste dieser Planet menschenleer sein, damit ich dich finden konnte.“ Es brach einfach aus mir heraus. Ich hatte das Gefühl, ihr alles sagen zu können und doch, eine kleine Ruine meines Bunkers steht noch um frei zu sein. Ich hoffe ich habe nicht zu dick aufgetragen. Sie küsst meine Augen, streicht mir über das Gesicht und küsst mich. Der Bunker zerbröselt zu Staub, die Baumhütte – von Termiten zerfressen, die Höhle stürzt ein. Ich bin frei und glücklich.
Die Sonne blinzelt gerade über den östlichen Horizont. Die Vögel, meine Vögel, singen schon ihr erstes Morgenlied. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in so einem feudalen Zimmer aufgewacht zu sein. Sophie liegt noch schlafend neben mir. „Mein Gott ist sie schön, wie ein Engel“, durchfährt es mich. Ohne sie zu wecken schnuppere ich noch mal an ihren Haaren, küsse sie auf den Nacken und schleiche mich hinunter in die Küche, um sie mit einem ausgiebigen Frühstück zu überraschen.
In der Küche treffe ich Beat, der gerade versucht einen Frühstückspfannenkuchen für Heidi zu bereiten. Mit einem Kräuterzigarettchen im Mund, in der einen Hand einen Schneebesen in der anderen eine Rührschüssel, tanzt er, einer imaginären Musikquelle lauschend, durch die Küche.
„Irre Show gestern“, füge ich meinem „ Guten Morgen“ hinzu.
„Hat es euch gefallen?“, gibt er grinsend zurück.
„War jedenfalls sehr prickelnd, wenn man von Deiner Bremsspur in der liegengebliebenen Unterhose mal absieht?“ Beat hatte gestern überhaupt keinen Slip getragen, ich will nur wissen wie weit er sich überhaupt erinnern kann.
„Ehrlich, scheiße an die U-Hose habe ich überhaupt nicht mehr gedacht, liegt die wirklich noch in der Halle herum?“, frägt er mich peinlich berührt.
„Ich denke schon, kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sie der Hausmeister weggeräumt oder das Zimmermädchen sich was zum schnüffeln mitgenommen hat.“
Er flitzt aus der Küche, um sich auf „Brems“-spurensuche zu begeben. Nachdem gestern sowieso keiner mehr ans aufräumen dachte, wird es ein Weilchen dauern, bis ihm eventuell einfällt, dass er nie Slips trägt.
Ich vollende die Pfannkuchen, bereite Kaffee, netterweise sind ein paar Brötchen und Croissants auch schon aufgebacken und die Frühstückseier schon zum Kochen gebracht, pflücke ein paar Blümchen vom Fenstersims, alles auf ein großes Tablett und ohne dass er mich bemerkt, schleiche ich mich diebisch durch die Halle an ihm vorbei, um Sophie zu wecken. Eben als ich über die Galerie in den Gang der Gästezimmer entschwinden will, zischt ein abgenagter Knochen von unserem Abendmahl haarscharf an mir vorbei.
„Meinst du vielleicht ich sollte meine Qualmerei ein wenig einstellen, wenn das so weiter geht vergesse ich eines Tages sogar, wie man mit einer Frau schläft.“ Er lacht, schüttelt den Kopf und klopft sich mit der flachen Hand an die Stirn.
„Ach wo, solange du so super Frühstück zaubern kannst. Außerdem wie du dich gestern angestellt hast, ist sowieso nicht mehr viel von Deinen Erinnerungen vorhanden.“, lache ich zurück.
Gerade noch rechtzeitig kann ich ins Schlafzimmer verschwinden, bevor eine Salatschüssel am oberen Treppenabsatz einschlägt.
Gerade als Sophie und ich wieder ein bisschen eingeschlafen sind, hören wir quietschende Reifen, Hupen und voll aufgedrehte Autostereoanlagen. Wie es scheint lässt mit der Zeit auch unser Denkvermögen ein wenig zu wünschen übrig. Obwohl wir uns gestern ziemlich schnell von den restlichen Guinnesstrinkern verabschiedet hatten, ist es uns noch nicht in den Sinn gekommen, jemanden zu vermissen. Wie es scheint hat das Guinness und der gute irische Whiskey bis zum Morgen beste Dienste geleistet. Karin’ s Rolls gleicht im vorderen Bereich einer Ziehharmonika. Christian holpert mit dem Truck gerade über den Zierbrunnen der Auffahrt. Als sie aussteigen schwenkt jeder ein irisches Fähnchen und Stefan schleppt mit Mike noch ein Fässchen Guinness zum Eingang. Ich gehe Ihnen entgegen, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass ein Keck Fass ohne Zapfanlage ziemlich wertlos sein kann. Bevor jedoch mein lästern weitergeht, kommen mir schon Vera und Mike mit einer kleinen Zapfanlage entgegen.
„Die Gasflasche steht noch im Truck.“, Mike weiß was ich denke.
„Wir haben die Christopher Street Day gefeiert.“, lallt Karin. „Oder war es vielleicht St’ Patricks Day? Ist ja auch egal, jetzt machen wir jedenfalls Guinness-Frühstück.“
„Ja gebt ihr denn nie Ruhe.“, brüllt Heidi aus dem Fenster. Hinter ihr erscheint Beat, deutet einen Akt an, winkt uns mit einer Hand herunter und gibt mit der anderen Heidi ein kleines Pfeifchen nach vorne.
„Sie hat sich noch nicht ganz erholt.“, er blickt zu mir „Ich habe mich gegenüber gestern um 120% verbessert.“
Ein sympathischer Sprücheklopfer.
„120% von Nichts ist Null.“, lacht Heidi herunter. „Zapft mal an wir machen uns nur noch frisch, sind gleich da.“
Frischmachen ist keine schlechte Idee. Ich watschle wieder nach oben, um zu sehen wie weit Sophie schon mit der Morgentoilette gekommen ist. Sie schläft. Als ich sie so daliegen sehe, verzichte auf Guinness und lege mich zu ihr.
Ein paar Stunden später sind wir frisch geduscht, neu eingekleidet und beschließen einen Blick auf die Guinness-Fraktion zu werfen. Nur Beat und Heidi.
„Wo sind die anderen?“, frage ich.
Heidi erklärt mir, dass Christian ziemlich geil war und nachdem er und Jessie den Sex schon gestern ausfallen ließen, schnappten sie sich eine Flasche Schampus und haben sich in den Wellnessbereich verkrümmelt.
Karin und Stefan seien die Treppe hinaufgekrochen und Vera diskutiert noch mit Mike in der Küche.
„Bei allen“, gibt sie zu bedenken, „wird es wohl bis morgen andauern, ehe sie wieder ihren Normalzustand erreicht haben werden.“