Die Sonne scheint hoch am Himmel. Was für ein Tag. Ein Tag um Helden zu zeugen. Ich strecke meine Glieder. ich könnte Bäume ausreißen, als Mann Kinder gebären, die Stecknadel im Heuhaufen finden. Ich fühle mich prächtig. Auf dem Baum vor meinem Balkon zwitschern die Vögel. Ich liebe Vögel. Nicht im Käfig, nicht im Zoo. Vögel gehören auf den Baum vor meinem Balkon. Da sind sie. Wie immer im Mai und den ganzen Sommer hindurch. Sie gehören zu meinem Leben. Sie sind mein zusätzlicher Sauerstoff. Sie sind mein Adrenalin, mein Endorphin, mein Grund morgens aufzustehen.
Zur Vervollkommnung dieses perfekten Morgens, beschließe ich eine ausgiebige Dusche zu nehmen. Ich blicke mich um und kann Sophie nirgends entdecken. Ich gucke unter dem Bett. Wer weiß, vielleicht sucht sie dort noch nach weiteren Flasche Rotwein.
Viele Fragen gehen mir durch den Kopf. Was ist passiert? Die Sonne geht gerade auf. 26 Stunden geschlafen? Unmöglich?! Sophie kommt ins Schlafzimmer und weint.
„Ich wollte meine Freundin anrufen!“, lässt sie mich wissen.
„Welche Freundin?“, frage ich nach.
„Die, die gestern mit Deinem Cousin abgezogen ist.“
„Ja und?“
„Christian ging ans Telefon.“
Ich weiß nicht, was sie hat. Ist doch klar sie war bei ihm, ist im Bad oder Frühstück holen und er geht an ihr Handy. Es dämmert. Gestern? Soweit ich alle Gedanken zusammenkriege, müssen seit Samstag mindestens drei Tage vergangen sein.
„Sie wollte ihren Freund anrufen, um zu erklären oder besser um sich rauszureden, warum sie sich jetzt erst meldet.“, fährt Sophie fort.
„Ja und?“ möchte ich wissen.
„Er ging nicht ans Telefon.“
„Er wird sicher beim Arbeiten sein oder schmollt ein bisschen vor sich hin, weil sie sich solange nicht gemeldet hat.“, gebe ich zu bedenken.
„Nicht nur er,“ Sophie spricht in Rätseln.
„Wie nicht nur er?“
„Niemand ging ans Telefon. Es ist einfach kein Mensch zu erreichen.“
„Es gibt wenige, die drei Tage durchzechen, um dann auf eure Anrufe zu warten.“, versuche ich sie zu beruhigen.
„Soweit ich Christian verstanden habe, hat kein Freund, auch nicht ihre Eltern oder Geschwister abgehoben, sie liegt auf seinem Sofa, er meint sie ist dem Zusammenbruch nahe.“
„Super, immer das Gleiche. Trinken bis sich das Hirn zwirbelt, fremdgehen und danach ein schlechtes Gewissen. Hysterische Weiber. Ich ruf Christian selbst noch mal an.“
Er hebt nach dem ersten Freiton ab.
„Ist doch immer das Gleiche..“, sage ich in dem Grundton der Überzeugung, dass manche einfach das Trinken nicht vertragen. Noch bevor ich weitersprechen kann, fällt mir Christian schon ins Wort:
„Meine Eltern sind weg.“
„Wie weg?“, kommt mir doch irgendwie bekannt vor.
„Ja weg!“
„Sag mal, hast du wieder zuviel von Deinen grünen Tomaten mit der hysterischen Tussi geraucht?“, ich versuche hinter das Geheimnis des Verschwindens zu kommen. Ich liebe auch Christian, aber manchmal ist er aufgrund von allerlei Gemüseanbau, gekauftem Gemüse und nicht zuletzt seinen grünen Tomaten, dermaßen mit sich beschäftigt, dass es besser sein könnte ihn einfach noch drei Stunden schlafen zu lassen, bis das gerauchte Zeug in seiner Wirkung wieder nachlässt. Ich versuche es trotzdem noch mal:
„Wie, weg“?
„Weg, weg, weg!“, er klingt irgendwie unausgeglichen.
„Du musst nicht mit mir reden, es ist ok, ich ruf später noch mal an.“
„Später, später, es gibt kein später, es ist vorbei.“
Ich sollte doch mal seine Tomaten rauchen, so eine Wirkung ist wirklich phänomenal. Wobei ich natürlich schon ein bisschen eingeschnappt bin, denn sonst erzählt er mir immer wie „gut“ er doch war.
Kleine Lektüre über Drogen:
Grüne Tomaten: Wirkung unbekannt. Christian hat sie auf seinem Balkon. Er wird schon wissen warum.
Judenstrick: (ein Farngewächs aus unseren Wäldern): Schmeckt zum Kotzen. Hat schon mein Großvater geraucht als es nach dem Krieg weder was zu Essen noch was anständiges zu Rauchen gab.
Alkohol: Sehr angenehm beim Konsumieren. Hat jedoch in Massen absoluten Gehirnverlust zum Nachteil. Macht Frauen schön. (Natürlich auch Männer)
Bienengift: Sehr anregend, wenn man die Stiche überlebt.
Frauen: Machen nach der Pubertät süchtig
Männer: Auch (Für Frauen)
Arbeit: Nur Ersatzdroge. Kann nicht süchtig machen, da es die einzige Droge ist, die, wenn andere Drogen vorhanden sind, jederzeit abgesetzt werden kann.
Sophie schaut mich fragend an. Ich sie auch.
Wie es scheint, kenne ich weder meinen Cousin Christian noch sie ihre Freundin wieder. Ich beschließe Stefan anzurufen. Den Fels in der Brandung. Den „Zwei Liter Bacardi Trinker ohne was zu vergessen Held“
„Moin“, schallt er mir entgegen.
„Haben wir wirklich unser Resthirn zu Brei verwandelt?“, will ich wissen.
„Keine Ahnung bei mir war irgendwie alles nur in Nebelschwaden eingehüllt.“, erfahre ich auch von ihm.
„Scheiße!“
„Wieso?“
„Bei mir auch, sollten wir das Saufen vielleicht bleiben lassen?“, frage ich halbherzig.
„Jetzt mal doch nicht gleich den Teufel an die Wand. Ich frage mich nur warum ich Lars nicht erreichen kann.“
Lars ist der Teilhaber seines Multimediageschäftes. Er wäre normalerweise diese Woche drangewesen den Laden zu schmeißen, deswegen ist Stefan auch ausgiebig auf Tour mit uns gewesen. Wie er meinte, sei es ihm somit erlaubt, auch mal zwei bis drei Tage zum Kurieren des Katers zu benötigen.
„Wie geht es Karin“? fahre ich fort.
„Sie kocht gerade Kaffee in der Küche.“
Kaffee ist gut. Ich rufe Christian, Mike und alle anderen die mit uns am Tisch gesessen sind noch mal an und lade sie auf Kaffee und Kuchen zu mir ein. Normalerweise kommt keiner, weil jeder nur noch in Ruhe seinen Körper kurieren will. Doch irgendwie ist es heute anders. Irgendwie fehlt was. Irgendwie haben wir nur noch uns.
„Tut mir leid, ich bin einfach nicht hoch gekommen um Kuchen zu besorgen, aber der Kaffee ist nach wie vor der Beste in der Stadt.“, begrüße ich die nach und nach eintrudelnden Gäste.
Alle sitzen wir da, jeder seinen Kaffee in der Hand, jedem brennt irgendetwas auf der Zunge, jeder hat Angst.
„Verdammt noch mal!..“, schmeiße ich in den Raum, „ ..was ist denn eigentlich los mit euch“?
Ich..., ich.... wir...
Wie es scheint erreicht Keiner jemanden. Alle Kanäle zu. Sogar Mails auf die andere Seite der Welt bleiben unbeantwortet.
Ich beschließe mal zu meinem Nachbarn in die untere Wohnung zu gehen, einfach nur um zu fragen wie es ihm geht. Er ist nicht da. Ok, beim Kartenspielen. Ich rufe eine Tante an. Nur der AB. Ich rufe meinen Bruder an, nur der AB.
„Ja spinnt Ihr denn alle, nur weil man ein paar Leute nicht erreicht geht doch die Welt nicht unter. Kein Chef der euch traktiert, keine zänkische Schwiegermutter in Spee und vor allem Keiner, der sich lustig über euren dicken Kopf macht.“, versuche ich sie aufzuheitern.
Scheiße, von allen krieg ich mitgeteilt, dass Sie noch niemanden gesehen haben, nicht auf der Straße nicht in den Geschäften, nicht mal die Eigentümer der Läden waren da. Es war alles wie ein paar Tage zuvor, nur ohne Menschen.
Sophie sitzt mit den anderen am Tisch. Ich wünsche mir eine Nacht ohne Lücken, ohne Nebelschwaden und ohne Alkohol. Ich wünsche mir sie. Ein glückliches Leben, irgendwo in Südspanien, irgendwo, ein Ort wo die Sonne immer scheint, meine Olivenbäume, meine Weinreben, meine Schafe, mein Glück.
Karin und Vera finden als erste die Fassung wieder. Bewundernswert die Mädels. Sie gehen einfach an die Gefriertruhe, suchen etwas aus, bringen uns Wein und lassen uns wissen, dass wir uns einfach auf die Terrasse verpissen sollen.
Sie kochen Muscheln mit Gemüse, grillen uns Steaks und bringen uns Wein. Man könnte meinen, wir hätten uns zu einem ganz gewöhnlichen Grillabend verabredet. „Hilft ja nichts!“, schreit Mike. Komisch von ihm habe ich lange nicht mehr gehört. Wir sind auf der Terrasse irgendwann im Mai, wir essen, wir trinken, wir trinken mehr, noch mehr. Christian meint, dass wir ein paar Tussis anrufen sollten, Stefan ist dagegen, Mike und Vera auch, Karin sowieso.
„Ja klar, komm lass uns Lea anrufen. Die langt für uns alle“, wendet er sich an mich.
„Ruf sie an, wenn du willst“, ich reiche ihm das Telefon.
Sophie schaut mich sehr vorwurfsvoll an. Ich achselzuckend zurück.
„Ist doch nur Spaß, Christian welche wundervolle Schönheit hast Du überhaupt mitgebracht?“ entschärfe ich die Situation.
„Jessie“, antwortet sein nebenan und schaut mich nicht gerade liebenswert an. Fast Verständlich.
Nachdem das geklärt ist, setzen wir unser übliches Ritual fort. Schlemmen bis die Wampe zu platzen droht, danach einen Schnaps, weiteressen, einen Verdauer.. usw. usw.
Ich öffne meine Augen. Alle, wirklich alle liegen neben mir in der Gartenhütte. Alles ist am Schnarchen und Furzen. Unter den Top Ten der Alkoholexzesse ist das mindestens die Nummer zwei. Bingo! Ich stehe auf und suche im Garten meinen Nachbar, ich kann ihn nicht finden. Klar, er war auch gestern nicht hier. Aber irgendwo ist er normalerweise immer anwesend.
Ich begebe mich durch den kleinen Baldachin Richtung meines Nachbarn Wohnzimmer. Normalerweise sitzt er immer hier um sich irgendeine Sportsendung anzusehen. Ich gehe in den Keller, es könnte sein, dass er vielleicht Nachschub an Bier benötigt. Im Keller war ich gerade, die Wohnung habe ich sogar bis unter das Sofa inspiziert. Ich rufe seinen Neffen Walter an. Der AB. Schön langsam komme ich ins grübeln. Meine Mutter, der AB. Heidrun meine langjährige Ex-Freundin, der AB. Ich habe Angst, plötzlich alleine dazustehen. Vielleicht versuche ich einfach mal Michelle anzurufen. Michelle ist eine Urlaubsbekanntschaft, eine wunderbare Frau.aus Holland. Ich habe sie auf meinem letzten Urlaub Ibiza kennengelernt. Sie war ein paar Mal bei mir und hat mich besucht. Es ging auseinander, kein Wunder, Entfernung. Keine Antwort. Ich schicke ihr eine Mail. Klar, wann werden diese gelesen. Ich schaue einmal am Tag. Ich muss abwarten. Ich rufe Steffi, Melanie, Gudrun, Heike und noch ein paar Verflossene an, AB.
Die Angst kriecht weiter durch meine Gedärme. Mit der Angst hat es eine komische Bewandnis. Sie schützt einen, sie lähmt einen, ich denke es ist besser, wenn sie nicht da ist. Ich irre durch das ganze Haus, bis ich schließlich wieder in der Gartenhütte lande. Alle sind noch in ihren seeligen Träumen. „Gibt es doch nicht.“, denke ich mir. Ich bin jetzt wach. Weitersinnierend komme ich auf den Gedanken, dass sie Schlaf verdient haben. Eine Dusche, genau. Also wieder hoch in den 1. Stock. Zähne putzen, duschen, Gel ins Haar, ich bin wieder ein Mensch. Wieder runter in frischen Klamotten, überlegen. In der Hütte befinden sich auch Kochtöpfe, Besteck, Gläser und alles was man sonst noch für eine Feier benötigt. Topf raus, Löffel raus und rumgescheppert. „Bleibenlassen.“, war mein Gedanke bevor ich Krach gemacht habe. Jetzt ist zu spät. Eine leere Flasche Wein saust nur um haaresbreite an mir vorbei, ein Teller folgt. Wer hat hier nicht aufgegessen? Ein paar Salatblätter kriege ich mitten ins Gesicht. Man überlebt so was. Man kann auch Salatblätter während des Fluges abfangen, zurückwerfen, am besten noch kurz eingetunkt in Majo und Ketchup – gibt mehr Speed, und dann abhauen. Die Munition geht schön langsam dem Ende zu. Wir sehen alle aus wie Schwein. Ja was denn, nur Sophie hat anscheinend nichts abbekommen. Kann doch nicht sein. Sie grinst. Ich schlurfe mit meiner Rechten den letzten Rest aus allen Salatschüsseln. Pflotsch, es steht ihr wirklich gut. Ich hatte ja nur eine kleine Ladung geplant. Doch dank einer Extraportion Ketchup, die ihr Jessie gerade ins Gesicht spritzt, macht sie einer verrottenden Müllhalde alle Ehre.
„Schluss jetzt!“, brüllt Stefan.
„Ich kann nicht mehr.“, meint Mike
„Seid ihr total blödgesoffen?“, kommt es von Vera.
Die übrigen Kommentare verlaufen ähnlich, außer bei Christian, er meint dass man bei Jessie vielleicht noch ein bisschen tiefer hätte zielen sollen, damit er mal wieder Zungentraining bekäme. Hunger und Geilheit. Im Prinzip hat er nur noch die Faulheit vergessen. Warum wir (die Menschheit) uns entwickelt haben? Beispiele: Das Auto ist erfunden worden, weil man nicht laufen will. Spülmaschine, weil man nicht spülen will. Waschmaschine, weil das Ding mit dem Waschbrett irgendwie auch nicht befriedigend war. Und wahrscheinlich auch der Porno, weil man zu faul, ist sich nach einem Partner umzuschauen.
Jessie hat es geschafft uns wieder in schnurrende Position zu bringen. Jeder hat ein Glas Port vor sich stehen.
Wir prosten und möchten wahrscheinlich alle heulen. Karin macht den besten Vorschlag des Tages. Jeder geht nach Hause, schaut ob er irgendjemand erreicht und in drei Stunden treffen wir uns wieder hier. Einstimmig angenommen.
Mehr oder weniger mit allen gesammelten Sinnen haben wir uns alle wieder auf der Terrasse eingefunden. Wir fragen uns, wie viele Tage seit dem Nebel vergangen sind, bzw. wie viele Tage seit Samstag. Einstimmig kommen wir zu dem Entschluss, dass wir vier Tage nicht mehr genau erklären können.
Quintessenz, wir haben Mittwoch. Ein Mittwoch im Mai. Die Vögel zwitschern. Wie gehabt.
„Was ist passiert“?, fragt Jessie
Bis sich Stefan erhebt sagt keiner etwas.
„Ich weiß es auch nicht, nur haben wir die Tatsache vor Augen, dass wir mittlererweile keine Menschen mehr treffen, wir sind sozusagen autonom, wir sind die einzigen, die ich seit Samstag gesehen habe“
„So was Blödes habe ich noch nie gehört.“, meint Karin.
„Ruf doch deine Eltern an und frag sie, wie es ihnen geht.“, Stefan verkneift sich den Kommentar, dass Karins Eltern immer noch nicht ihre Wettschulden nach dem letzten Wetttrinken, alt gegen jung, beglichen haben.
„Hab ich doch schon. Schon vergessen?“
„Ja, trotzdem, lass es alle wissen.“
„AB!“
Ratlosigkeit breitet sich aus. Jeder spricht mit seinem Partner. Heißt: Christian mit Jessie, Stefan mit Karin, Mike mit Vera, Sophie mit mir. Wir, Christian und ich, haben keine Partner, aber es sind Menschen, die wir mögen, die sogar vielleicht uns mögen. Gott sei dank sind weder Jessie noch Sophie Frauen zugetan, sonst könnte es eng werden.
„Was sollen wir tun?“, fragt Vera.
Betretenes Schweigen.
Irgendwie müsste man es doch schaffen, einfach mal die letzten Tage an sich vorbeifließen zu lassen. Jeder hatte das gleiche Erlebnis, der Nebel und der Blackout. Wir haben keinen mehr gesehen, außer uns. Ist es wirklich so, dass wir die einzigen Menschen in der Umgebung sind? Vielleicht sogar im ganzen Land? Weiß der Geier. „Was sollen wir denn nun tun?“, kommt es noch mal von Vera mit tränenerstickter Stimme.
Das Schweigen löst sich nicht auf. Nach einer längeren Pause, bemerkt Christian so ganz beiläufig die Geschichte vom nuklearen Holocaust. Kann jedoch nicht sein, warum würden wir dann noch leben? Warum gerade wir?
Ich will baden gehen.
Nein, nicht in die Badewanne. Ich will an einen See. Auch wenn es erst Anfang Mai ist. Die Lufttemperatur beträgt in der Sonne garantiert 24 Grad. Ich will sie auf meiner Haut spüren und wenn es zu heiß wird einfach kurz ins Wasser springen. Ich habe festgestellt, dass wenn man aus dem, mit 18 Grad doch ziemlich kühlen Wasser herauskommt, die Trinkerfalten sich für kurze Zeit in Luft auflösen. der Körper vibriert, man spürt Leben durch jede noch so kleine Zelle des Körpers fließen; es ist einfach herrlich, wunderbar, toll. Ich frage mich, wie ich die anderen davon überzeugen soll. Wie ich erkläre, dass man sowieso im Augenblick nichts besseres tun kann. Ich frage mich weiter, wie kalt das Wasser wirklich ist, ob man überhaupt ins Wasser steigen kann ohne in Luft aufgelöst zu werden, ob der See, an welchem wir schon so viele Nachmittage in ausgelassener Heiterkeit, vor allem beim Lästern über die anderen Badenden, verbracht haben, noch existiert und vor allem frage ich mich, ob ich dort mein Lieblingseis, Maxibon, bekomme.
„Herausforderungen sind dazu da angenommen zu werden.“, kommt es von Mike.
„Und Frauen sind dazu da genommen zu werden“, wirft Christian ein. Was ihm nicht unbedingt zusätzliche Pluspunkte von Jessie einbringt.
Doch es bleibt nach wie vor die Frage, was nun? Es gab mal eine Fernsehsendung, die da hieß: „Was nun, Herr (Frau)....?. Das ist es! .. Fernsehen, Radio, Internet. Ich frage mich, warum noch keiner auf die Idee gekommen ist, einfach mal den Fernseher einzuschalten, dem Radio zu lauschen oder sich mal im Internet auf allen Nachrichtensendern weltweit zu erkundigen.
„Ausschwärmen!“, schreie ich nahezu in die Runde
Betretenes Schweigen.
„Hallo, aufwachen“, schiebe ich schon ein bisschen gemäßigter hinterher.
Ich versuche allen zu erklären, dass wir vielleicht doch jeder noch mal kurz nach Hause gehen sollten und alle Fernsehsender, Internetadressen oder egal was einfällt, Hauptsache die uns bekannten Medien abfragen sollten.
Treffpunkt danach wieder hier in der Gartenhütte. Zwei Stunden müssten genügen.
Ich sitze am Rechner. CNN, ARD, N-TV, ZDF, BBC usw. usw. Die Nachrichten sind verfügbar, die Sites stehen, sie sind aktuell – bis vor vier Tagen. Letzte Nachrichten: Die Amerikaner haben wieder einen Hubschrauber im Irak verloren, Israel hat wieder den Gazastreifen dicht gemacht, Deutschland hat nach wie vor 5 Millionen Arbeitslose, nachdem das UNO-Gebäude einem Anschlag zum Opfer gefallen ist, sind die Bauarbeiten erst beim Aufstellen des Kellergewölbes, Afrika hungert, Russland sperrt das Gas für Westeuropa und Michael Schumacher hat sein Comeback bei MC Laren Mercedes verkuhwedelt. Also nichts Neues.
Ich suche weiter. Spam-Mails. Ich habe welche bekommen. Halleluja! Das letzte Anzeichen der Zivilisation. Spams.
Viagra für den älteren Herren.
Das neueste von Microsoft, fast geschenkt, für den Gutgläubigen.
Eine tolle Frau, für den Einsamen.
Den Lotteriegewinn für den kompletten Idioten und natürlich, seit Neuestem, das Nirvana auf Raten.
Hochaktuell, ich drucke alle aus und bestelle sogar, gebe meine Kreditkartennummer jedem der sie haben will, warte auf die vorgefertigten Antworten und bin ratlos.
Nichts, aber auch gar nichts geschieht. Ich warte auf Antworten, bzw. darauf, dass irgendein Betrag von meinem Konto abgebucht wird. 5 Minuten, ich checke meine Bankdaten. 10 Minuten, ich checke meine Bankdaten, 15 Minuten – nichts. Keine Abbuchung. Upps. Bin ich wirklich so tief gesunken, dass mich nicht mal mehr irgendjemand abzocken will. Gott sei dank, nach 15 Minuten habe ich eine Abbuchung für das ewige Leben auf meinem Konto. Es ist zwar überzogen, doch der Disporahmen ist noch nicht komplett ausgeschöpft. Ich warte auf die Viagrabuchung. Was soll ewiges Leben mit einem schlaffen Gehänge?
Zwei Drittel meiner Bestellungen sind im Sand verlaufen. Ein Drittel hat abgebucht. Immerhin! Ich überweise noch die Rechnung für meine Unfallversicherung. Man kann ja nie wissen. Das wars. Wenn ich die Welt verlasse, dann wenigstens, abgesehen von der Bank, schuldenfrei.
„Und?“, das Einzige was ich zu hören bekomme
„Was?“, mischt sich dazwischen.
„Warum?“, höre ich zwischen den Zeilen.
„Erst mal ein Bier.“, ist das Ergebnis der Gartenhüttenbesprechung.
Wir diskutieren, wir trinken, wir haben keine Ahnung.
Stefan hat eine Mail aus Thailand bekommen, 5 Tage alt.
Karin hat eine SMS von ihrem Ex, 5 Tage alt.
Christian hat nichts.
Sophie und Jessie, die mir beide ziemlich unbekannt sind, haben von ihren Freunden, Freund, oder Ex-Freund Nachrichten erhalten – 5 Tage alt.
Mike hat verzweifelt versucht seinen Sohn zu erreichen, Nichts.
Vera wollte Ihre Familie in Tschechien erreichen, Nada.
„Wir sind auf der Suche“, meint Christian, „wir sind sehr nah dran, wir sind auf der Erde, wir sind hier, wir leben, wir trinken, wir essen, wir , wir, wir .“
Ein Lebenskünstler, ein Gourmet, ein Vorbild, einer, den wir bewundert haben, geliebt, was wir immer noch tun, löst sich in Nichts auf. Was bleibt ist ein Mensch. Von allen Tugenden befreit, verzweifelt, einsam, ein Mensch.