Kapitel 3: München

Wir haben beschlossen nach München zu fahren, um zu sehen, wie sich dort die Dinge verhalten.

Die letzten beiden Tage verbrachten wir mit Aufräumarbeiten, jeder bei sich zuhause. Ich habe das ganze Haus von oben bis unten auf Vordermann gebracht, d.h. alles picobello sauber gemacht, überall, auch in der Mietwohnung die Betten frisch überzogen, die Küchengeräte gereinigt, die Kühlschränke ausgewischt, den Rasen gemäht, die Hecken geschnitten, den Hof gekehrt, die Garagen und den Keller aufgeräumt und natürlich die Gartenhütte auf Hochglanz gebracht. Sophie und Jessie, die beide ursprünglich aus Hannover kommen und eigentlich nur das Wochenende in den Bergen verbringen wollten, sind hiergeblieben und haben uns tatkräftig unterstützt, weil sie sowieso nicht wussten wohin und wieso auch.

„Das Haus ist sauber“, sagte ich zu Christian, als ich mit Sophie ihn und Jessie bei sich zuhause besuche.

Die beiden haben wirklich ganze Arbeit geleistet, auch bei Christian sieht es so aus, als ob alles zum Verkauf ausgeschrieben steht. Kein Krümelchen Staub in und um das Haus herum.

„Lass uns, falls wir wiederkommen, noch die heimischen Vorräte auffüllen“, meint Sophie, als sie bei Christian in den halbleeren Kühlschrank guckt.

Sie ist wirklich wohltuend praktisch veranlagt, sie meint, wir sollen doch einfach in den umliegenden Lebensmittelmärkten streunen gehen und jeder zuhause die Gefriertruhe auffüllen, den Keller mit Lebensmittelkonserven vollstapeln und ein paar Kanister mit Benzin deponieren. Trinkwasser nicht vergessen und vielleicht irgendwo einen Stromgenerator organisieren, der falls der Strom zusammenbrechen sollte kurzzeitig ein wenig Energie liefern kann.

Die Truhen sind voll, Trinkwasser, Benzin und Lebensmittel sind eingelagert. Jeder hat mittlererweile auch ein Aggregat zuhause stehen, welche wir bei der naheliegenden Niederlassung des THW organisiert haben. Die Anrufbeantworter werden mit aktuellen Texten, mit e-Mail-Adressen und Handynummern besprochen. Wir hinterlassen auf den Tischen zuhause und in den Wohnungen von Verwandten und Bekannten Nachrichten mit unseren Daten und treffen uns kurz vor der Abreise noch mal in der Gartenhütte.

„Wir sollten noch von allen Abschied nehmen, bevor wir losziehen.“, meint Stefan.

„Von wem denn, wir sind doch die einzigen oder siehst Du noch andere“, kommentiert Mike.

„Meinst Du eine imaginäre Totenfeier?“, grummelt Vera.

Sie hat recht, wir müssen irgendwie einen Schlussstrich unter die Niedergeschlagenheit setzen. Wieder nach vorne blicken und das Beste aus der Situation ziehen.

Wir beschließen, alles für die Fahrt nach München soweit vorzubereiten, die Autos mit Vorräten, Zelten, Kleidung usw. vollzustopfen, um uns dann auf dem Friedhof zu treffen. Ich weiß nicht wie wir gerade auf die Friedhof gekommen sind. Keiner von uns ist das, was man als irgendwie gläubig, katholisch, evangelisch oder sonst was bezeichnen könnte. Vielleicht ist es die Hoffnung ein wenig Trost zu finden, außerdem ist es ein neutraler Ort, ein Ort wo keiner oder vielleicht alle zuhause sein könnten. Irgendwie werde ich auch den Verdacht nicht los, dass wir Einheimischen, also alle außer Jessie und Sophie, im Unterbewussten einig sind, dass sich in unmittelbarer Nähe der „Wirt“ befindet. Dazu muss man wissen, dass die meisten Beerdigungsfeiern, oder wie wir sagen „Leichenschmaus“ dort ausgetragen werden. Ich kann mich an einige erinnern, wo es zum Schluß lustiger war als auf manch einer Hochzeit.

Der offizielle Abschied von allen Nichtanwesenden war zunächst niederschmetternd. Keiner, der nicht geheult hat wie ein Schlosshund, keiner der nicht fest die Hände seines Nebenstehenden fest umklammert um Halt zu finden, keiner der nicht vielleicht doch still gebetet hätte. Es war vereinbart worden, dass wir nach einer Viertelstunde, egal was passiert, den Friedhof verlassen.

Mit roten Augen und verschnupften Taschentüchern machen wir uns die paar Meter auf zum „Wirt“.

Ich hab es doch gewusst. Obwohl wir nie ausgemacht hatten dorthin zu gehen, ist es doch gleich einer Pilgerwanderung die sich stillschweigend Richtung Gasthaus bewegt.

Wie selbstverständlich sitzen wir alle an einem großen Tisch in dem ansonsten aufgeräumten, aber leeren Lokal.

„Es ist geschafft“, denke ich mir. Die Trauer schwindet und nachdem Karin eine Brotzeit aus der Küche gebracht hat, Mike dem Zapfhahn seine Geheimnisse entrissen und der frischgezapfte Maibock auf dem Tisch steht, beginnt der Rest des Lebens. Ein lustige Trauerfeier. Wir beschließen diese Nacht noch im Gasthaus zu verbringen. Es kann sowieso keiner mehr fahren und obwohl wir annehmen, dass keine Polizeistreifen uns anhalten werden, lassen wir uns auch am nächsten Tag Zeit ,bis wir in den Autos sitzen und loszuckeln.

 

 

Wir sind mit zwei Autos, Mike’s Geschäftswagen, einem Van und meinem Minivan unterwegs. In jedem wäre bequem Platz für vier Personen, Gepäck und Vorräte. Die Landstraße ist menschenleer, was schon fast klar war. Verwunderlich ist vielmehr, dass auch sonst nichts unseren Weg versperrt. Ich hatte angenommen, dass, wenn die Menschen verschwunden sind, wenigstens ihre Autos noch überall rumstehen würden und ein vorwärtskommen ziemlich erschweren. Das einzige was wir zu sehen bekommen sind Fahrzeuge jeglicher Art, die ganz regulär geparkt wurden, vor den vorbeiziehenden Häuschen stehen oder vor irgendwelchen Einkaufzentren abgestellt worden sind. Wir haben keine Eile. Nach ungefähr einer Stunde kommen wir an einer großen Autobahnraststätte vorbei, decken uns mit Zigaretten, Junk-Food, Bier und Kaffee aus der Dose ein. Ein paar gönnen sich noch einen Gratisausflug auf die Toilette hinterlassen ihre Telefonnummern und kehren zurück in die Autos. Wenn unsere Uhren stimmen, wäre gerade Mittagszeit. Hunger wäre auch vorhanden und auf Mc Donalds hat irgendwie jeder immer Lust. Wir verlassen die Raststätte. Unmittelbar hinter der nächsten Autobahnabfahrt ist ein sogenanntes „Ich liebe es – Restaurant“. Wollen doch mal sehen, ob wir die Big Mäcs, Mc Nuggets, und Pommes auch selber hinbekommen.

Anscheinend war zu dem Zeitpunkt als sich die Menschheit in Luft aufgelöst hat nicht soviel los. Nur ein bis zwei  Tische sind verdreckt. In einer Friteuse haben sich die Pommes schwarzgeschmurgelt und zwei Frikadellen für die Burger stinken brikettartig vor sich hin. Die Lüftung hat im groben den angebrannten Geruch schon abgesaugt. Die Salatbar schnurrt lustig kühlend vor sich hin und auch die vorgefertigten Saucen und Gurkenscheiben liegen verzehrbereit auf der Anrichte. Bevor ich noch irgendwie eine Peilung davon bekomme, was sonst noch genießbar sein könnte, haben sich die Mädels schon in Richtung Kühllager davongepirscht, alles ausgepackt und sind schon fleißig am frittieren und brutzeln.

„Bierchen wär nicht schlecht.“, dürstet es Stefan schon.

„Schon da“, Mike kommt mit einem Tablett voller gefüllter Plastikbecher.

„Wartet ja auf uns.“, brüllt Vera aus der Schmorküche heraus. „Sonst kriegt ihr höchstens die Briketts zu essen.“, Sophie muß natürlich auch ihren Senf dazugeben und das nicht nur auf die Burger.

Nach ungefähr einer Stunde geben wir auf. Es passt einfach nichts mehr rein. Der Magen ist voll, die Gedärme glucksen vor sich hin und weit und breit keine Verdauer in Sicht.

„Schnäpschen gefällig?“ Christian wedelt triumphierend mit ein paar Brausepäckchen. In der anderen Hand eine Flasche Wodka.  Wie sich herausstellt hat er bei unserem Pit-Stop an der Rasstätte sämtliche Vorräte an Brause und etliche Flaschen Wodka mitgenommen. „Man weiß ja nie, wann wir das nächstemal in den Genuß kommen“, fügt er mit einem schelmischen Gesichtsausdruck hinzu. So kenne ich ihn. Er scheint wieder der Alte zu sein und auch die anderen legen wieder ihre Leichtigkeit an den Tag. Es ist schön wieder alle in ihrem Urzustand um mich  zu haben.

„Jetzt“, meint Jessie. Und schon sind wieder die Plastikbecher gefüllt. Brause in den Mund und ab die Post.

Es stellt sich heraus, dass Christian so ca. 300 Päckchen Brause und 4 Flaschen Wodka ergattert hat. Dennoch beschließen wir es für heute und machen uns weiter auf den Weg Richtung München.

„Stadtmitte oder Flughafen?“,  Mike fährt voran und ist kurz vor der jeweiligen Abfahrt.

Die Handys sind immer eingeschaltet. Angenehm, jeder plaudert mit jedem, Christian sendet einige schmutzige SMS an Jessie, obwohl sie gleich neben ihm auf der Rückbank von Mike sitzt.

Wir beschließen München nur am Mittleren Ring zu streifen, um uns einen kurzen Eindruck zu verschaffen, aber dennoch möglichst schnell zum Flughafen zu gelangen.

„Tote Hose“, Vera hat die Abfertigungshalle inspiziert.

„Lass uns einen Kaffee trinken, vielleicht noch ein Stück Kuchen dazu.“, trällert Karin ganz beiläufig und ist schon in den unteren Bereich, die Shopping und Fressmeile, verschwunden.

Am Lavazza Café haben wir sie wieder eingeholt. Sie schäumt gerade Milch für unsere Cappuccinos. Den Kuchen hat Sophie aus der Konditorei nebenan besorgt. Leckere Obstkuchen, Sahnetorten und Tiramisu. Wunderbar. Die Musik aus der Stereoanlage berieselt uns. Einen Grappa um die fetten Torten zu verdauen und weiter geht’s Richtung Gateways. Wir inspizieren die Maschinen, die wahrscheinlich gerade zum Einstieg freigeben worden waren. Ziemlich fad das Ganze. Und nachdem von uns noch nie jemand ein Flugzeug geflogen hat, beschließen wir die Nacht im „Bayerischen Hof“ in der Stadt zu verbringen.

Der Abend war ein voller Erfolg. Denn nachdem jeder an der Hotelbar seine mehr oder weniger gelungenen Cocktailkreationen zum Besten gegeben hat, verwandelte sich der Wellnessbereich, nach Zugabe aller verfügbaren Shampoo- und Badezusatzvorräte in den Whirlpool, in eine fast undurchdringlich Schaumlandschaft und abgesehen von den paar blauen Flecken, die jeder davontrug, verlief die Nacht ohne Zwischenfälle.

Aufgewacht sind wir in der Präsidentensuite und nachdem wir uns ein hervorragendes Frühstück mit allerlei Meeresfrüchten, frisch gepressten Fruchtsäften und aufgebackenen Croissants munden ließen, geduscht und gepackt haben, verabschiedeten wir uns von diesem gastfreundlichen Haus um mal die Bahnhofsgegend abzuklappern.

„War ja klar, dass wir hier auch nicht weiterkommen, Lokführer bin leider auch nicht.“, Mike ist immer noch verkatert und man spürt, dass ihm irgendwie noch der Antrieb fehlt. Mit einem „ich will wieder ins Bett“, reibt er sich an Vera, die ihn jedoch mit süffisanten „Alter Suffkopf“ abwimmelt und darauf aufmerksam macht, dass es uns allen nicht wie einem jungfräulichen Frühlingsmorgen nach erwachen des Sonnenlichts zu gehen scheint. Wir stehen in der riesigen, menschenleeren Bahnhofshalle, die große Leuchtreklame mit dem Logo eines Arzneimittelherstellers blinkt  munter vor sich, der ICE nach Paris ist einsteigebereit. Die Sonne scheint fahl durch die Milchglasscheiben. Im Eingangsbereich steht ein verlassener Zeitungstand mit den schon bekannten Schlagzeilen der Boulevardpresse. Überall die Hinweise auf das weitverzweigte U-Bahn-Netz der Stadt. Ein Labyrinth, ein Irrgarten; ein Irrenhaus? Wir begeben uns zur Lagebesprechung in ein Café auf dem Bahnhofvorplatz. Besser gesagt wir sitzen unter den großen Sonnenschirm, der die kleine Terrassenbestuhlung mit Schatten versorgt. Es gilt eine weitere Richtung unseres Handelns zu bestimmen. Wollen wir hierbleiben? Wenn nein, welche Richtung sollen wir einschlagen? Was ist mitzunehmen? Wie ist es zu transportieren? Macht jedes weitere Handeln überhaupt noch Sinn? Usw. usw..  Erstaunlicherweise steht schon nach 15 Minuten ein Ergebnis fest. In München versauern? Auf keinen Fall. Zuhause versauern? Erst recht nicht. Weitere Städte innerhalb Deutschlands absuchen? Warum auch. Der nächste Winter kommt bestimmt, auch wenn wir uns erst im Frühsommer befinden. Ans Meer, so die große Übereinstimmung. Zuvor, so lautetet ein weiterer Beschluss, trennen wir uns, um in kleinen Gruppen oder  paarweise, alles nötige für die Reise, die uns zunächst über Österreich, die Schweiz, quer durch Frankreich nach Spanien bringen soll, zusammenzutragen.

 

Jessie und Christian:

Getauft wurde Jessie eigentlich auf den Namen Ulrike. Irgendwie hatte ihr Vater wohl einen Faible für Ulrike Meyfarth, die erfolgreiche Hochspringerin der olympischen Spiele von 1972 in München und da Jessie schon bei der Geburt anscheinend eine beachtliche Größe für ein Neugeborenes vorweisen konnte und ihr Vater hoffte, auch seine Tochter möge eine berühmte Sportlerin werden, war trotz Widerstand der Mutter, mit Unterstützung der Schwiegermutter, einfach die Entscheidung für Ulrike getroffen worden. Mit den Jahren jedoch stellte sich heraus, dass bezüglich ihrer Größe keine weiteren Höhenflüge mehr zu erwarten seien, so dass die Hochsprungkarriere, ganz zum Leidwesen ihres Vaters, bald derer einer Femme Fatale weichen musste. Zu Jessie kam es dann, als irgendeiner ihrer pubertierenden Verflossenen, sie mag damals 13 oder 14 gewesen sein, den Vergleich mit Jessica Lange in „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ anstellte. Sicherlich hat er den Film irgendwo aus Papa’ s Videosammlung hervorgekramt und wollte eben beweisen, was für ein ausgeschlafener Kerl er doch ist. Nichtsdestotrotz, Jessie schien es zu gefallen im gleichen Atemzug wie Jack Nicholson und ihrer berühmten Namensgeberin genannt zu werden und da sie auch sonst bei der Beendigung von Beziehungen nicht die Feinfühligste war, blieb es dabei: Jessie – Femme Fatale.

Zufall oder nicht. Christian war von Frauen, die vom Kaliber her, wie Jessie gestrickt waren immer schon fasziniert. Er zog sie magisch an. Es ist immer magnetisch gewesen. Sie kreisten umeinander, bis es zum Aufschlag kam. Was meistens schon wieder einer Entladung glich. Mit mehr oder weniger Leid  war immer kurz darauf  Schluss.

Die beiden fuhren mit einem abgestellten Auto, Jessie bestand auf einen BMW, den sie kurzerhand zum starten brachte, Richtung Messegelände los. Erst später erfuhr ich von Stefan, dass Jessie Autoschlosser gelernt und bis vor ein paar Tagen als Fernfahrerin gearbeitet hat. Ich dachte unmittelbar an „Thelma und Loise“, „Lara Croft“ oder so was in der Richtung, verworf aber den Gedanken, da sie einfach wesentlich weicher aussah, ohne lange zu reden handelte und so wie ich sie kennenlernte einfach ein guter Typ war.

Wie ich schon die letzten Tage bemerkt hatte, schien Christian ziemlich spitz zu sein. Ich dachte mir schon, dass die beiden die meiste Zeit mit endlosen Diskussionen verbrachten.

„Lass es uns vor der „Bavaria“ tun.“, Christian strotzte in diesem Augenblick vor Selbstbewußtsein. Er war der Reiseführer, der Tourguide, der der Alles kennt. Diese Nummer hat er auch schon desöfteren zuhause abgezogen, indem er den Damen die einsamen Wasserfälle und die schönsten Waldlichtungen gezeigt hat.

„Was tun?“ sie wusste genau was er meinte.

„Hast es schon mal an der frischen Luft, an einem sonnigen Tag in aller Öffentlichkeit getrieben?“

„Ja, und?“

„Genau das sollten wir tun.“, gibt Christian noch mal seiner Hoffnung Nachdruck.

„Christian“, sie schaute ihn fast liebvoll an, „es gibt keine Öffentlichkeit mehr, keine Augen, die uns beobachten könnten, keine Spanner und keine Kameras, die auf uns gehalten werden.“

Er war perplex. Sie hatte recht. Dieser Versuch ging gründlich in die Hose.

Sie fuhren wortlos weiter. Auf dem Weg zum Messegelände tauschten sie ein paar neckische Blicke. Bis Jessie abrupt rechts abfuhr und direkt auf eine großen Heimwerkermarkt zusteuerte.

 

Vera und Mike:

Vera bemerkte, dass Mike den unheilvollen Zustand von Kater und einer extremen Verliebtheit erreicht hatte. Und da sie es ja nun auch ein paar Tage vermissen musste, was wahrscheinlich weniger mit Zeitmangel, sondern vielmehr mit den vielen Gelagen zu tun hatte, steuerten die beiden direkt vom Bahnhof wieder zurück ins Hotel.

Sie liebten sich zunächst wie die Steinesel, nahmen einen leichten Lunch zu sich und steuerten Richtung Kaserne. Mike war dort während seiner Grundausbildung stationiert und obwohl dies schon einige Jahre, die anderen würden sagen, Jahrzehnte, zurückliegt, findet Mike immer noch was er sucht.

 

 

Stefan und Karin:

Nach unsere Lagebesprechung hatten wir auf einmal das unweigerlich Bedürfnis auf ein Weißwurstfrühstück.

„Die besten gibt’s irgendwo am Viktualienmarkt.“,  bemerkte ich.

„Du denkst nur an Fressen und Saufen.“ ,Sophie schien nicht so begeistert. „Außerdem haben wir gerade erst gefrühstückt.“

„Wo ist das Problem?“, Stefan war ganz meiner Meinung. Und nachdem Karin ihr wohlwollend zugesprochen hat, von wegen wir sind doch in Bayern, stimmte auch Sophie ein.

Wir fuhren mit zwei Autos, wir hatten ja schließlich noch einiges danach zu erledigen. Jessie hatte sicherheitshalber vor ihrer Abfahrt einige Autos mehr in Fahrbereitschaft versetzt.

Es verlief durchweg gesittet. Wir haben zwar besagtes Lokal nicht gefunden, doch ein Marktstand hatte einige Weißwürste vakuumiert in der Kühlung liegen. Das dunkle Weizen war in der richtigen Temperatur. Warmgemacht wurde die Würste direkt am Stand nebenan und am Marktbrunnen ließen wir uns schließlich nieder und blinzelten in die Mittagssonne. Danach trennten sich kurzzeitig unsere Wege.

Stefan und Karin begaben sich Richtung Deutsches Museum. Sophie und ich blieben noch ein wenig sitzen.

„Sie sind das perfekte Paar.“, meinte Sophie.

„Ja das sind sie.“, gab ich zurück.

„Sie lieben sich.“, Sophie war richtig fasziniert von den Beiden.

„Ja und das schon ziemlich lange.“

„Sie haben die gleichen Interessen.“

„Ich träume schon seit langem davon, jemand genau mit meinen Interessen zu finden.“, gab ich ehrlicherweise zu.

„Was sind Deine Interessen?“, wollte sie wissen.

„Leben, leben und noch mal leben.“

„Wie soll das aussehen?“

„Liebe Menschen um sich herum haben. Gut essen, gut trinken, vielleicht sogar so was wie Liebe verspüren.“

„Hört sich nicht schlecht an.“, gab sie zu.

Ich küsste sie auf die Wange.

„Komm, ich bin nicht nur ein Tagträumer, laß uns was organisieren.“

 

Sophie:

Sie kommt wie Jessie aus Hannover, Dipl. Soziologin, 171 cm, weiche braune Augen, sie ist nicht blond wie ich anfangs in meinem verworrenem Zustand angenommen hatte, sie hat weiche braune Haare, nicht zu dünn, nicht zu dick. Rein äußerlich genau der Typ, auf den ich stehe. Sie hatte bisher soviel Nachsicht mit mir, dass ich mich schon oft gefragt habe „Warum eigentlich?“. Wie es aussieht haben wir noch nicht miteinander geschlafen. Ist auch egal, vielleicht ist es die Situation, vielleicht sie, vielleicht wir beide. Ich fühle mich geborgen. Ich möchte alles zu ihr sagen, ich will wissen wie sie denkt, wie sie tickt. Mich interessieren ihren vorherigen Beziehungen nicht. Ihre Familie. Sie ist hier. Ich werde für sie da sein.

 

Sophie und ich sind die Ersten auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofes. Inzwischen haben wir mein Auto gegen ein riesiges, mit allen Schikanen ausgestattetes Wohnmobil eingetauscht. Wir haben alle Lagermöglichkeiten mit Lebensmitteln und kleinen Annehmlichkeiten des Alltages vollgestopft. Es fehlen weder Hygieneartikel, noch Bekleidung für alle. Auch gibt es keinen Mangel an Unterhaltung. Wir sind über Massen an DVDs, CDs, Videospielen gestolpert.  Eigentlich dürfte ich das Ding überhaupt nicht fahren. Doch nachdem die Straßen sowieso frei sind, habe ich mich einfach reingesetzt und bin losgeschossen. Ein Smart im Heck und 2 kleine Roller haben wir auch noch untergebracht. In der Kiste können bequem 4 Leute wohnen. Gut und gerne 50 qm. Bisher gab es so was immer nur im Fernsehen.  Als nächstes trudeln Christian und Jessie ein, Jeder fährt ungefähr ein Wohnmobil von gleichen Ausmaßen. Jessie hat weiter gedacht. In einem Ihrer Gefährte befinden sich Werkzeuge aller Art, Zelte, Decken, Schlafsäcke sogar eine ganze Kiste voll Batterien,  Sprechfunkgeräte, und kanisterweise Benzin und Diesel. Gerade als wir anfangen unser Bestände zu vergleichen, bricht mit einem lauten Knallen am Haus gegenüber die Fassade zusammen.

„Mike!!!“, kommt es wie aus einem Munde von Christian und mir.

Und tatsächlich, wir wussten beide, dass er es nicht lassen kann. Ein Leo II kommt uns durch die Staubwolken entgegengerattert.

„War nur ein Scherz.“, ruft er lachend als er die Einstiegsluke öffnet. Während seiner Wehrdienstzeit war er Panzerfahrer, und gewiss ist er  kein Krieger oder sonst irgendwie ein gewaltbereiter Mensch. Er hatte einfach immer nur Spaß dabei mit dem Ding durch die Gegend zu heizen. Meistens hatte er, während der Zeit auf Truppenübungsplätzen mit irgendeinem amerikanischen Gegenüber schon ein oder zwei Flaschen Whiskey getrunken und es genossen, die ohnehin verplemperte Zeit als Wehrpflichtiger mit einer hohen Energie als Steuergelderverschwender durchzubringen.

„Du Arschloch!“, brüllt Christian. „Was wäre gewesen, wenn wir woanders gestanden hätten?“

Mike verschwindet wieder im Inneren des Panzers, kommt wieder aus der Luke gekrochen und hält triumphierend ein Gallone Bourbon in der Hand. Ich muß lachen. Ich kenne alle seine Geschichten. Eine ist mir im Gedächtnis geblieben: Er hätte Wache gehabt. In irgendeinem LKW hätte er sitzen müssen. Der Spieß hat die Tür geöffnet und nachdem Mike zuvor viele amerikanische Freunde gefunden hat, die ihren Schnaps Duty Free bezogen, ist er nach Öffnung der Fahrertür nur noch rausgefallen und hat seinem Vorgesetzten an die Hose gekotzt.

Wir müssen alle lachen. Es ist befreiend, es tut gut, wieder mal die Seele zu entlüften, die absurde Situation zu vergessen.

„Im Ernst,..“, berichtet er uns als er den Panzer verlassen hat. „..wir waren nicht untätig und haben nicht nur Kriegsspiele veranstaltet. Vera und ich haben in der Kaserne zwei Transporter beladen, die allerlei Technik beinhalten. Wir haben vier 2000 Watt Generatoren. Als Anhänger einen kompletten Dieseltank und noch dutzendweise vollgefüllte Benzinkanister. Sicherheitshalber habe ich noch zehn G3, einige MGs, Panzerfäuste und genügend Munition verstaut.“

„Was ist mit Handgranaten?“, ruft Christian aus dem Hintergrund.

„Wieso Handgranaten?“ entgegnet Mike.

„Zum Fischen, du Ochse.“

„Ach so, ja klar.“, Mike dämmert, um was es geht.

Ein paar Minuten später trudelt auch Karin ein. Sie hat eine kleinen Transporter vollgestopft mit Gefriergut. Angefangen von Hühnchen über Meeresfrüchte bis zum feinsten Filet und Gemüse.

„Vom Großmarkt“, lässt sie uns wissen. „Stefan müsste auch jeden Moment auf der Bühne erscheinen.“

Ein Triumphzug. Es fehlt der rote Teppich. Es fehlen die Rosenmädchen, der Präsident, die Kanzlerin, die Stars und Sternchen, die Abwischer, die Schleimer, die Berichterstatter, die schreibende Zunft, die Oscar-Kommission, der Papst, die Schweizer Garde, der russische und der amerikanische Präsident, die Flaggen an den Häusern, es fehlt einfach alles. Doch „Er“ kommt.

Ein Auftritt der seinesgleichen sucht. Zwei Außenlautsprecher. „I will surive“ von Gloria Gaynor. Fahnen auf dem Dach. Ein Lastzug und Stefan am Steuer. Er hat eine Faschingskrone auf dem Kopf, mit Recht.

Er steuert in diesem Augenblick ungefähr 20.000 Liter feinstes Weizen.

„Ist da so vor der Brauerei rumgestanden.“, klärt er uns auf.

„Vielleicht als Gastgeschenke?“ meint Sophie

„Wenn es sein muss.“, ich liebe Weizen

„Wir werden sehen.“, meint der begnadete Chauffeur.

Ich hatte angenommen, dass die beiden nützliche Dinge aus dem Deutschen Museum mitbringen würden, doch ehrlich, was jetzt hier auf uns zugerollt ist, übertrifft sogar die Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne bewegt.

 

Wir stellen einen seltsamen Konvoi zusammen. Der Panzer bleibt hier. Logisch. Alle Waffen, bis auf  vier Gewehre auch. Wir sind hier schließlich nicht Mad Max. Christian bestand allerdings auf die Handgranaten, von wegen Fischen und so. Munition und Gewehre zum Jagen, falls wir wirklich mal in die Verlegenheit kommen sollten.  Der Zug der modernen Nichtsesshaften setzt sich langsam in Bewegung

Unser Zirkus setzt sich zusammen aus:

Vier Megawohnmobilen, gefahren von Karin, Sophie, Christian und meiner Wenigkeit.

1 Gefriermobil, gefahren von Vera

1 Weizen und Verpflegungstruck, gefahren von Stefan. Wir haben den Anhänger für alle sonstigen für das Leben notwendigen Dinge freigemacht.

1 LKW mit Anhänger für Diesel und Benzin, gefahren von Mike

1 kompletter Sattelzug mit allem technischen Equipment, gefahren von Jessie.